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14.10.2017

Der ÖFB hat sich selbst in die Bredouille gebracht

Diese Hast in der Teamchef-Frage halte ich für einen schweren Fehler.

Paul Scharner | über die vielen Fehler des Verbandes

Selten hat das Nationalteam für so viel Aufregung gesorgt wie zuletzt. Das hat sich der ÖFB aber zum größten Teil selbst zuzuschreiben:

Thema Teamchef

Diese Hast in der Teamchef-Frage halte ich für einen schweren Fehler. Wie soll der neue Sportdirektor in nur wenigen Tagen ernsthafte Gespräche mit zehn Kandidaten führen? Und ernsthafte Gespräche sind nötig, um den wichtigsten Trainerjob des Landes zu vergeben. Das soll und darf nicht mit einem Plausch zwischen Tür und Angel ohne Analyse der Konzepte entschieden werden.

Die im ÖFB angedachte "Notvariante" bei einer Verzögerung der Bestellung des Neuen halte ich ohnehin für die beste: Marcel Koller soll mit der gewohnten Qualität auch das Testspiel gegen Uruguay betreuen und statt des Trainingslagers in Spanien einen normalen Teamlehrgang in Wien abhalten.

Es wären danach mehrere Monate Zeit gewesen, in Ruhe den besten Kandidaten als Teamchef zu bestellen. Ich bin – wie damals bei Koller – für einen Ausländer. Weil einer der größten Vorteile des Schweizers war, dass er sich nicht von den üblichen Verdächtigen beeinflussen ließ. Sportdirektor Willi Ruttensteiner und der damals noch starke Präsident Leo Windtner haben ihm den Rücken freigehalten.

Thema Willi Ruttensteiner

Der Langzeit-Sportdirektor hat Österreichs Fußball ohne Frage auf eine höhere Stufe gehoben. Sein Weg war gut strukturiert und wissenschaftlich hinterlegt. Wer den Fußball – wie einige Funktionäre im ÖFB – für "zu wissenschaftlich" hält, hat im professionellen Sport ohnehin nichts mehr zu suchen. Die alte Formel "Aufwärmen und dann Match" funktioniert 2017 nicht mehr.

Allerdings hat mich die Kritik an Ruttensteiner – abseits des Fachlichen – nicht überrascht: Auf seinem Weg nach oben hat er sich persönlich verändert. Bei manchen Gesprächen vermittelte er einem das Gefühl, dem wichtigsten Menschen der Welt gegenüberstehen zu dürfen. Der ÖFB war unter Ruttensteiner eigentlich eine One-Man-Show, viele haben es gar als Diktatur empfunden. Deswegen sind auch die oft zitierten "Kommunikationsprobleme" entstanden.

Thema Peter Schöttel

Der Job an sich passt meiner Meinung nach zu ihm, als Ruttensteiners Nachfolger hatte Schöttel aber eine suboptimale Präsentation. Besser wäre gewesen, die beschlossene Trennung von Ruttensteiner zu verkünden und die weiteren Schritte in Ruhe vorzubereiten. Das Problem: Dafür hätte das gesamte ÖFB-Präsidium stillhalten müssen. Offensichtlich ist das nicht möglich.

Thema ÖFB-Präsidium

Diese Abläufe beweisen, dass die Zeit der Ehrenamtlichkeit auf dieser Ebene Vergangenheit sein sollte. Fußball wurde zu einem Big Business, jede der besprochenen Entscheidungen kann Millionen kosten oder bringen. Deswegen sollte der ÖFB von Professionisten geführt werden, die nicht darauf schauen müssen, wiedergewählt zu werden.

paul.scharner@kurier.at