Paaradox: Wegräumen, aber dalli!

Ruderboot
Foto: Illustration: Andrea Kritzmanich

Eine Wohnung ist kein Abstellplatz. Oder doch? Wenn Socken und Schuhe nicht zum Nervenkostüm passen.

Sie

Zu den Mysterien meines Alltags gehören – wie letzte Woche angedeutet – seine Socken. Manchmal träume ich, sie leben, haben eine Seele und stecken mit meinem Mann unter einer Decke. Im Auftrag seiner Majestät machen sie sich auf perfide Weise unsichtbar oder trennen sich. Speziell in der Waschmaschine: Ich gebe acht Stück hinein – um am Ende des Waschgangs festzustellen: Es sind nur mehr vier. Vier, die nicht zusammenpassen. Die andere Hälfte feiert irgendwo ein Weichspüler-Ge­lage.

Amoklauf

Oder aber sie liegen herum. Im Bad. Im Wohnzimmer. In der Küche. Dann raunen sie dreckig: Räum! Mich! Weg! Ich raune zurück: Ich! Sicher! Nicht! Die Harmonie kippt, die Socken kichern. Und mein Mann kann wieder einmal sagen: "Worüber du dich aufregst. Lä-cher-lich. Socken! Jetzt fehlt nur noch, dass du mit ihnen sprichst." Doch wehe, er sucht "dieses bestimmte Paar" für "diesen bestimmten Anlass" und findet es nicht innerhalb von Hundertstelsekunden. Ein Amoklauf beginnt. Das, was er da von sich gibt, hätte ich ja verraten, wurde aber von der Schlussredaktion zensuriert.

Bröseln

Ein Kollege meint, dass das gemeinsame Zusammenleben in einer Wohnung der Tod jeder Beziehung sei. Falsch. Ich glaube, es sind die Socken. Sie stehen im Kleingedruckten meines Eheversprechens, kaum lesbar. Ergänzt durch die Guglhupfbröseln auf meinem – Betonung auf meinem – Lieblingssofa. Den zum Zeitungsarchiv (Halt, das profil aus dem Jahr 1999 brauch ich noch!) degradierten Esstisch. All die auf dem Parkett verwaisten Hemden, die immer noch nicht gelernt haben, sich alleine zu waschen. Und was tut er? Er sagt: "Baby, wir sind schon ein tolles Team." Team, jo eh. Sein Codewort für "Lass doch die Mutti hackeln." Im nächsten Leben werde ich seine Socke. Dann lass ich mich verschwinden.

Er

Meine Frau hat ein stetes Problem damit, wenn etwas herumliegt. Einmal abgesehen von den eigenen Taschentüchern, die aber offenbar eine Botschaft haben: Wohin auch immer du schaust, wirst du bemerken, dass es mir wegen eines Schnupfens nicht gut geht.

Ansonsten kann ein Sockenpaar auf dem Boden oder eine Zeitung auf dem Esstisch für erstaunlichen Furor sorgen. Der nur noch übertroffen wird, wenn es gilt, den wahren Skandal lautstark zu beklagen. Denn manchmal, ich gebe es zu, passiert mir ein Hausordnungslapsus, der seinesgleichen sucht: Ich! lasse! zwei! Paar! Schuhe! herumstehen!

Beleidigt

Warum diese unfassbare Schlamperei das ästhetische Auge meiner Frau so beleidigt, hat sich mir nie erschlossen, ich weiß nur: Ich muss ein Traummann sein, wenn nur ein nicht weggeräumter Schuh drückt.

Gerne habe ich diesbezüglich die fast rituellen präzise formulierten Vorwürfe.

1. Der leichte Hang zur Übertreibung: "Muss es sein, dass alle deine Schuhe (Anm.: zwei Paar) überall in der Gegend (Anm.: im Vorzimmer) herumstehen?"

2. Der Hinweis auf die akute Gefährdung von Leib und Seele: "Wenn man da nicht aufpasst, fliegt man über deine Schuhe und bricht sich das G’nack."

Konsequenz

In Folge gibt es zwei Arten, mit der prekären Situation umzugehen.

1. Eine Diskussion eröffnen. Die endet aber meistens mit einer leicht kalkulierbaren, von beiden verursachten Immer-Inflation – immer machst du, immer sagst du, immer glaubst du ... Ist also kaum zielführend.

2. Die Erfahrung einer langjährigen Ehe nützen und in der Sekunde ein Paar Schuhe wegräumen. Bestenfalls begleitet von einem Null- oder einem süffisanten Kurzkommentar. Ist sinnvoll, wirkt beruhigend.

Und die Revanche glückt ohnehin: Warte nur auf meinen nächsten Schnupfen.

(kurier / VON Gabriele Kuhn und Michael Hufnagl) Erstellt am
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