Meinung | Kolumnen | Paaradox
01.04.2012

Paaradox: Schnucki, ach Schnucki!

Eine Partnerschaft entwickelt sich auch gerne zur namenlosen Gesellschaft. Zwischen Zärtlichkeit und Infantilität.

Sie

Michael ist ja im Grunde ein bissl fad. Ein Name ohne Verve – so könnte ein eierschalenfarbener Mittelklassewagen heißen oder die durchschnittliche Leberwurstsorte. Wobei – ich muss zugeben: Michaels pflastern mein Liebesleben, es scheint: einmal Michi, immer Michi. Michael, der Dritte, sieht das mit dem „fad“ naturgemäß anders. Mindestens ein Mal pro Monat schwärmt er von der intuitiv richtigen Namenswahl seiner Eltern: Die haben gewusst, welch Himmelsgeschenk in ihren Händen liegt. Wo doch Michael aus dem Hebräischen komme und für „Wer ist wie Gott?“ stünde.

Glück?

Als er davon das erste Mal schwärmte, legte sich ein leicht irrer Schleier über seinen Blick. Dann folgte der Nachsatz: Und jetzt putze man mein Schuhwerk und sei dankbar für das Glück, die Treter eines Michaels reinigen zu dürfen. Ich befand, so viel Schwachsinn gehört geahndet. Und begann, mir verniedlichende Kosenamen für ihn auszudenken. Ein mittlerweile lieb gewordenes Hobby. Begonnen hat’s mit einem raffinierten „Ja, Stupsi“ in Gegenwart seiner ehemaligen Sportsfreunde. Ich wusste: Könnte es sich mein Mann aussuchen, wäre er 100-mal lieber ein Arsch, als ein Mal ein Stupsi. Damals zischte er mir zu: Sag nie wieder Stupsi zu mir. Ich entgegnete nur: Schauma mal, Stupsi.

Gockel

Seitdem leben wir im Kosenamen-Konkurrenzkampf – und ich bin froh, dass es dafür eigene Portale im Internet gibt, die meine Fantasie beflügeln. Denn nur so gelingt es, den Herzbuben von seinem hohen Gockel herunterzuholen. Wer es mir nachtun will – hier die „Best-of-Stupsi-Liste“ oder „So erde ich meinen Mann“: Kugelfischchen. Eichhörnchen (gerne auch Weichhörnchen), Gurkenbär, Nacktmull, Nuschelbacke, Karottenstrudel, Fettäuglein, Fruchtzwerg. Dies am besten in Gegenwart attraktiver Damen und recht laut.

Er

Michael ist natürlich nicht fad. Michael ist ein Klassiker. Und es war, glaubt man der neutestamentlichen Offenbarung des Johannes, der Erzengel Michael, der den Teufel in Gestalt eines Drachens besiegte und in die Hölle hinabstürzte. Cool, oder? Was kann es für eine Familie Schöneres geben, als einen Bezwinger des Satans im Haus zu haben, ... also quasi?

Depperl

Leider haben Menschen einen Hang zur Verkürzung, auch bei Namen. Und so wurde ich bald ein Michi – Depperl statt Held. Denn: Ein Michael kämpft mit dem Schwert gegen irdische Dämonen, ein Michi indessen patzt sich mit Marmelade an, fürchtet sich bei „Schnell ermittelt“ und muss ständig Lulu.

Gleiches gilt für Gabriele. Das ist zwar nicht unbedingt ein Name, der Abenteuergeist und knisternde Erotik suggeriert, aber im Jennifer-Reich zumindest braver Durchschnitt. Während die unvermeidlich verknappte Gabi von der Sprossenwand purzelt, öfter als alle anderen Schnupfen hat und (an Michis Seite) garantiert auf jeden Aprilscherz reinfällt. Nur meine Frau glaubt ernsthaft, sie könnte das mit einem y kompensieren. Als wäre eine Gaby weniger patschert als eine Gabi.

Zwucki

Daher schleichen sich Kosenamen ein. Abgelehnt habe ich diesbezüglich nur die Varianten Mausi, Hasi, Schnecki, weil: tierisch fad. Derweil hat Schatzi zwar die Exotik eines Gemeindebaus, kommt aber dennoch zum Einsatz. Wenn ich nicht gerade Lust an der lautstarken Degradierung habe. In diesem Fall musste meine Frau schon auf Zwucki, Pimpfi oder Fluffi reagieren.Mein Glanzstück war aber ein anderer Name. Den fand sie so idiotisch, dass ich ihn einst riesig auf ein Schild schrieb, um sie damit am Flughafen zu empfangen. Da stand: Welcome Wurstibär! Ihre Schamesröte war mein größter Triumph. Es war die große Rache des Stupsi.