Meinung | Kolumnen | Paaradox
27.08.2017

Der Weg zum Meisterwerk

Her mit der Säge! Bis ein Kasterl die Vollendung erfährt, braucht es vor allem ... gute Nerven.

Als er nach zwei Stunden immer noch nicht heimgekommen war, wurde klar: Probleme!

Gabriele Kuhn | über die Szenen einer Redaktionsehe.

Sie

Da stand er, der Mann nebenan, schwitzte und schaute verzweifelt. Im Geiste hatte er, mit zehnjähriger Verzögerung, endlich den großen Plan für ein kleines Kasterl entworfen, jetzt mangelte es an simpler Bastel-Basisausstattung. Eine Freundin von uns, begnadete Do-it-yourself-Frau, warf einmal einen Blick in seinen Werkzeugkasten und sprach: „Moi, der Michi, herzig.“ Und so brach „Moi, der Michi“ auf, um Holz zu kaufen. Sowie eine Stichsäge, um damit die „Einbuchtungen für die depperten Kabel“ in die Bretter zu sägen. Als er nach zwei Stunden immer noch nicht heimgekommen war, wurde klar: Probleme! Schon erreichte mich seine SMS: Hier ist keiner, der sich mit Stichsägen auskennt. Ich bin alleine in dieser Stichsägen-Hölle. Also kam er ohne Säge an – weil: Irgendjemand von unseren Freunden wird doch so ein Ding daheim haben. Ich borg’s mir aus.

Zwei Linke?

Ich ahnte Schlimmes: 1.) Fürchtete ich eine Verzögerung des Unternehmens „ Kastl“ um weitere zehn Jahre. 2.) Fand ich mich im Geiste in einem Stichsägen-Massaker wieder. Wie sollte jemand, der so ein Ding nicht einmal kaufen kann, es bedienen, ohne sich dabei selbst zu zersägen? Dann kam Jörg. Ein netter Nachbar, legendärer Heimwerker, Stichsägenbesitzer und jederzeit stichsägebereit. Ich erzählte ihm die Malaise, er las es wohl an meinen Augen ab und sagte: „Hat er zwei Linke?“ Ich nickte. Minuten später bot er dem Herrn Hufi an, das Stichsägemanöver für ihn zu erledigen, weil er „das so gerne mache“. Supertrick! So behielt der Mann nebenan seine Würde und ich meine Seelenruhe.

Auftritte: 5. 10. Bruno/ Brunn, 14. 10. Danubium Tulln, 24. 10. Rabenhoftheater, Wien

Lesekabarett wieder im Herbst, alle Termine: www.paaradox.at

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Er

Mitunter habe ich das Gefühl, ich sei auserwählt. Und zwar vom Schicksal, um allerlei Experimente zur richtigen Einordnung menschlicher Regungen zu starten. Die Story: Ich machte mich mit einem Masterplan für ein Kasterl, wie es in dieser Raffinesse noch keines gegeben hatte, auf den Weg zum Baumarkt. Dort schnitt mir ein freundlicher Mann, der sein Sägerlatein echt beherrschte, meine Bretter millimetergenau zu. Er teilte mir aber auch mit, dass meine sehr speziellen Kabelschlupflochwünsche leider unerfüllbar wären, ich also mit einer Stichsäge selbst das Meisterwerk vollenden müsste. Zugegeben, das brachte mich ein wenig aus der Balance, weil ich a) als Gelegenheitsbastler so ein Werkzeug nicht besitze, und b) augenblicklich im Geiste sämtliche mögliche Reaktionen meiner Frau durchspielte. Die offenbart nämlich in solchen Situationen gerne einen Fatalismus Marke „Na bravo, das heißt, mit dem Kasterl wird es in diesem Leben nix mehr!“

Fachmänner

Also beschloss ich, das Abenteuer Stichsägenkauf zu wagen, hatte aber das Pech, dass sich der einzige Stichsägenfachmann „auf Pause“ befand und der (ebenfalls freundliche) Ersatzfachmann der einzige Mensch im gesamten Baumarkt war, der noch weniger Ahnung als ich hatte. So entschieden wir im Duo, den Werkzeugkauf zu vertagen. Eine Nachricht, die gnä Kuhn etwa so wohlwollend zur Kenntnis nimmt wie ein Handelsembargo für Haferflocken und Dinkelmehl. Ich verwies jedoch auf den Nachbarn, dessen Know-how unseren Ehefrieden rettete, und am Ende gab es für das Prachtkasterl dann doch noch viel Lob für mich. Und zwar von mir.

Solo-Programm „Abend mit einem Mannsbild“ wieder im Herbst: u. a. 23. 10. Rothneusiedl, 4. 11. Kottingbrunn, 8. 11. Mödling

michael.hufnagl@kurier.at

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