Meinung | Kolumnen | Paaradox
07.04.2012

Paaradox: Arbeiten im Paradies

Frühlingstheater. Der Garten wird zur Bühne. Und die Inszenierung der grünen Idylle zur ehelichen Tragikomödie.

Sie

Warum ich meinen Mann zuweilen mit unserem Hund verwechsle? Das Tier versteckt sich, wenn ihm Ungemach droht. Da reicht z. B. der Gedanke ans Bürsten – schon zieht es den Schwanz ein und geht ab. Nicht, dass es bei Herzbuben genauso abliefe – aber ich brauche das Wort Gartenarbeit nur zu hauchen, schon ist er weg. Großes ist dann zu erledigen – Zeitunglesen etwa, in einem total unsympathischen Kaffeehaus bei einem elenden Cappuccino. Oder aber harte Arbeit auf der Driving-Range eines grauslichen Golfclubs. Alles, nur keine Beet­geschichten.

Grillen

Aber bitte, er wollte ja einen Garten. Dessen Anschaffung beruht allerdings auf einem Missverständnis: Er dachte, das Stück Grün funktioniere wie der Garten vom Schweizerhaus. Die Perfektion der Hecken und Beete käme alleine vom Stelzen-Grillen, Bierfasslanstechen und Feiern. Man sieht, mit Natur hat er’s nicht so. Löwenzahn im Beet bejubelt er mit einem Wunderbar, dieses Van-Gogh-Gelb! Den Oberschurken aller Schädlinge – den Rüsselkäfer – würde er akut unter Naturschutz stellen, weil er eh irgendwie herzig ist. Und den Schlatz in unserem kleinen Gartenteich findet er auch total super: Nicht aufregen, essen tust Algen ja auch beim Japaner.

Notfall

Unlängst konnte ich ihn so in den Baumarkt zwingen: Wenn er mir je 10 Säcke Rindenmulch und Pflanzerde brächte, dann würde ich auch niemandem erzählen, dass er vergangenes Jahr gen Notfallambulanz aufbrechen wollte, als er sich an einem weißen Zwergroserl stach.

Gestern Nacht träumte ich, mein Mann ist eine Pflanze namens Wurmlattich aus der Familie der Unkrautgesellschaften. Recht passend, wie ich nachlesen konnte: Untere Laubblätter verkehrt eiförmig, stängelumfassend mit Borstenhaaren auf kleinen weißen Pusteln. Gemein, aber immerhin van-Gogh-gelb.

Er

Meine Frau hat Schmerzen. Ja, es ist der Lendenwirbel, der zwickt. Was ein Naturgesetz für Gartenarbeit ist. Denn wer stundenlang in gebückter Haltung zupft, rupft, jätet und buddelt, darf sich über Au und Weh nicht wundern. Sag’ ich ja immer. Die Natur wird erst dann zum Problem, wenn wir beginnen, sie nach unserem Geschmack modellieren zu wollen. Eine Tätigkeit, die ich Jahr für Jahr um des Hausfriedens Willen mit Blut bezahle. Und, nein: Das ist nicht übertrieben.

Entwurzeln

Heuer z. B. wollte die grüne Fee an meiner Seite, dass ich mich der flächendeckenden Entwurzelung von Minibäumchen widme. Das sind jene Pflänzlein, deren Stämme sich noch als Stängel tarnen und sich unerlaubt entwickeln. Um in ungefähr zehntausend Jahren groß und stark zu sein. Daher muss der Familienkraftprotz (ich!!!) ans Werk. Denn man mag’s nicht glauben, aber der noch zarte kleine Nussbaum hat Wurzeln, die in meiner Wahrnehmung bis kurz vor den Erdmittelpunkt reichen. Und natürlich wächst so ein Kerl nicht mitten auf der Wiese, sondern in den (Un-)Tiefen unseres Sträucher- und Blumenreichs. Heißt:

Schufterei

Kriechen. Reißen. Graben. Reißen. Noch tiefer graben. Noch stärker reißen. Kratzspuren im Gesicht und am Körper. Schwitzen. Fluchen. Reißen – schaurige Haltungsnoten inklusive.

Und kaum kippe ich rücklings in den dornigen Rosenbusch, weil die Erde den kleinen Nussbarbaren nach einem Ruck doch freigegeben hat, höre ich: "Schaaaaatzi, schau’, da sind noch drei von denen." Unnötig zu erwähnen, dass ihr mein Schauen nichts bedeutet, mein sofortiges Handeln indes alles.

Ungefähr 43 entwurzelte Bäumchen danach, also am späten Abend, schmerzen Rücken, Hände, Hintern. Aber das Blut wird trocknen. Und für das Gartenparadies werde ich mir morgen und in zehntausend Jahren noch dankbar sein.