Romantisch. Oder?

© Boroviczeny

über die Szenen einer Redaktionsehe.
08/25/2013

Oida, taunz!

Sie fühlt sich als Tänzerin gelöst, er will sich nicht zum Affen machen.

von Gabriele Kuhn, Michael Hufnagl

Es gibt sie, diese raren Momente des Gelöstseins.

Gabriele Kuhn | über die Szenen einer Redaktionsehe.

Sie

Zugegeben, ich bin minderbegabt, was Taktgefühle betrifft. Dancing Star werde ich nie, der Tanzboden liebt mich nicht. Und ich nicht den Tanzboden. Und dennoch: Es gibt sie, diese raren Momente des Gelöstseins. Man hat vielleicht ein Achterl zu viel intus, die Stimmung ist gut, für Augenblicke pulsiert (scheinbar) Jungblut durch den Körper. Das passiert bei mir zwei Mal pro Jahr: ein Mal im Sommerurlaub, das andere Mal bei der Betriebs-Weihnachtsfeier. Dann gebe ich recht enthemmt die Tanzbärin, nicht ohne auf einen Pas de deux mit dem Tanzbären nebenan zu hoffen. Der ist diesbezüglich allerdings total humorbefreit. Rund um die Frage „Tanzt du heute Nacht mit mir, Schatz?“ erwägt er jedes Mal, einen Juristen in Sachen Gattin-Entmündigung zu bemühen, sucht zumindest aber nach dem nächstbesten Fluchtweg.

Sei so frei – aber ohne mich

Dabei verlange ich gar nicht, dass er mir einen Tango macht. Zumal ich eine bin, die nicht wie ein Federchen übers Parkett schwebt, sondern meist schweren Fußes die Führung (stets in die falsche Richtung) übernimmt. Ich will nur ein bisschen enthemmt abshaken und heiter sein. Der Mann nebenan quittiert dieses Ansinnen mit den immer gleichen Worten: Ich mach mich wegen dir sicher nicht zum Volltrottel. Tanz von mir aus. Aber ohne mich. Sein diesbezügliches Engagement beschränkt sich maximal auf lässiges Wippen mit dem Fuß am Rande der Tanzfläche, in der Hand hält er einen Drink. Richtig schlimm wird seine Stimmung aber, wenn Kracher wie „I will survive“ von Gloria Gaynor oder „Ladys Night“ von Kool and the Gang gespielt werden und ich mich wie 17 fühle. Meist tut er dann so, als müsse er dringend aufs Klo. Aber ich bin mir sicher: Er versteckt sich in einer Ecke und denkt darüber nach, wie er die Location ohne die peinliche Hüpfdohle an seiner Seite verlassen kann. So ein Tanz, sag’ ich nur.

facebook.com/GabrieleKuhn60

Twitter: @GabrieleKuhn

Er

Ich hatte immer ein Problem mit Verhaltensauffälligkeit. Also mit Menschen, die in Restaurants oder U-Bahnen ihre öden Geschichten so laut erzählen, dass alle anderen zur Zeugenschaft gezwungen werden. Oder mit jenen Selbstdarstellern, die am Strand oder im Fitnesscenter so lange auf und ab spazieren, bis auch der größte Ignorant endlich Notiz von ihrer Herrlichkeit (wow, so braun, so muskulös, so schön) genommen hat.

In diesem Sinne finde ich auch, dass sich die klassischen Disco-Tänzer und -tänzerinnen gar nicht selten nahe an der Lächerlichkeit bewegen. Ob auf Weihnachtsfeiern, in Ferienclubs oder auf sonstigen Partys – es regiert der Hang zu jenem Verständnis von Ausgelassenheit, das sich in hopsender, zuckender und in mitgrölender Ekstase offenbart (hey, so super, wenn man den Text von I will survive kennt – hat man ja auch erst 7691-mal im Leben gehört). Der in solchen Fällen oft erkennbare überdurchschnittlich große Alkoholeinfluss macht dann das Schauspiel gerne einmal noch enthemmter und für Zuseher wie mich peinlicher.

Tanzbein-Herde

Nun soll aber freilich jeder tun, was ihm zur Fröhlichkeit gereicht, auch wenn es nicht mehr ist als ein tanzähnliches Standwippen, von gelegentlichen krampfartigen Verrenkungen und lustigen Grimassen begleitet. Mir ganz egal. Ich will lediglich, dass ich in Ruhe am Rand der Tanzbein-Herde stehen oder sitzen darf. Und dass mich niemand dazu nötigt, mich taktvoll zum Affen zu machen.

Meine Frau weiß das genau. Sie weiß, dass ich weder zum Donauwalzer noch zu Staying Alive irgendeine Bühne betreten will. Und doch raunzt sie mich immer wieder an: „Komm doch auch und lass es raus!“ Und weil ich es eben lieber drin lasse, bin ich dann „eine Super-Spaßbremse“. Mir ebenfalls egal. Ich habe den Rhythmus der Flucht im Blut.

Twitter: @MHufnagl

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