Romantisch. Oder?

© Boroviczeny

über die Szenen einer Redaktionsehe.
07/07/2013

Im Namen der Hose

Ein spontaner Ausflug ins Kaufhaus kann zur Bewährungsprobe werden.

von Gabriele Kuhn, Michael Hufnagl

Was haben wir nicht einst öffentlich geschmust!

Gabriele Kuhn | über die Szenen einer Redaktionsehe.

Sie

Zuweilen nistet sich bei mir ein Lieblingswort ein. Es lauert im verbalen Getümmel des Mainstreams, wird von meinem Hirn abgespeichert und mir von diesem permanent in den Mund gelegt. „Nachhaltig“ war so eines – es schob sich in viele Sätze und Dialoge mit dem Mann nebenan: „Wir müssen nachhaltig an unserer Streitkultur schrauben.“ Oder: Ich denke, du solltest deinen Umgang mit Geld nachhaltig verändern. Irgendwann sagte der Sprachpolizist an meiner Seite: Jetzt ist nachhaltig Schluss mit dem Schas. Das half.

Hosen mit WFF

Nun hab ich schon wieder so ein Wortmonster in meinem Schädel – diesmal: Wohlfühlfaktor, kurz: WFF. Das kam so: Der Mann nebenan brauchte eine neue Hose. Wir gingen in ein Modehaus mit hohem WFF. In der Herrenabteilung sah ich viele andere Frauen mit ihren Partnern – und Verkäuferinnen, die die Männer zügig in Umkleidekabinen stopften. Folglich sah man in der Herrenabteilung fast nur Damen, die mit anderen Damen (Verkäuferinnen) ausheckten, was Männern steht. Die harrten derweil in den Umkleiden und wurden mit Kaufhausgedudel weichgespült. Rasch war ich Teil einer Hosenverschwörung: „Schauen Sie“, sagte die Verkäuferin, „herrlich, das Material. Wird ihm gefallen – toller Wohlfühlfaktor. “ Nebenan hörte ich, wie eine Frau ihrem Gatten durch den Umkleidevorhang zuraunte: „Die Verkäuferin hat g’sagt, diese Jean hat einen super Wohlfühlfaktor. Probier’s doch amal.“ Indes schlüpfte der Mann nebenan bereits in die achte Hose und war schon recht schlecht gelaunt. Bald verließen wir den Ort – ohne Hose, abseits jeglichen WFF, und mit den Worten: Ich hasse Grün und darf ich mir meine Hosen gefälligst selbst aussuchen?! Außerdem hat’s da drin 100 Grad. Seitdem lässt mich das böse Wort nicht mehr los. Unlängst hab ich ein Wurstsemmerl mit WFF bestellen wollen.

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Er

Wenn wir schon bei Formulierungen sind: Es nervt mich, dass ich seit Jahren ständig „Das geht gar nicht“ hören muss. Ein Sprachkonstrukt, das sich nicht zaghaft eingenistet, sondern sich längst viral verbreitet hat. Schlimmer ist wohl nur noch der Glaube, ein „No-go“ könnte aufgrund des englischen Coolness-Faktors etwas Besseres sein. Irrtum. „No-go“ geht gar nicht.

In Trance

Apropos, zur Sache: Thomas Bernhard hat einst in einem Dramolett geschrieben: „Die Leute gehen in ein Geschäft hinein und wollen nur eine Hose probieren und probieren naturgemäß sieben oder acht, und es trifft sie der Schlag, der Kleiderhausprobierzellenschlag.“

Viel mehr gibt es zum Sachverhalt eines spontanen „Ah, wenn wir schon hier unterwegs sind, ich bräuchte eine schwarze Jeanshose“ kaum zu sagen. Ich bahne mir im Kaufhaus wie in Trance den Weg durch eine gustierende Masse, nehme zwei, drei Hosen, die sich nicht in ihrem Aussehen, sondern lediglich durch ihre Größen unterscheiden, probiere, entscheide, kaufe. Fertig. Das dauert im Normalfall alles in allem zwischen fünf und sieben Minuten.

Aber nicht, wenn meine Frau mit ist. Die nämlich haut sich mit jeder Verkäuferin auf ein Pack’l. Während ich also in der Umkleidekabine-Ambulanz nur dank spezieller Atemtechniken und buddhistischer Meditationstiraden überlebe, will sie die Gelegenheit nützen, meine Kleidersammlung in ihrem Sinne zu vergrößern („schau, Schatzi, die Hose is’ herzig“). Während ich in der Schuhe-aus-Hose-aus-Hose-an-Schuhe-an-Tragödie drohe verloren zu gehen, ruft sie auch noch frech „Zugabe“. Sollte daher diese Ehe je geschieden werden, bestehe ich auf ein Trennungsritual in der Probierzelle. Titel: So wurde sie mein No-go-Girl.

Twitter: @MHufnagl

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