Kolumnen | Ohrwaschl
27.05.2017

Dein Freund Martin

Früher war vieles anders. Wollte man früher, dass andere Menschen sein Essen sehen, musste man das Essen zubereiten, danach fotografieren, den Film zum Entwickeln bringen, eine Woche später die Fotos abholen, zu seinen Freunden gehen und denen die Fotos zeigen: Schau, das ist mein Schnitzel und das daneben ist ein Bulgursalat, sowas kennst du nicht, der wird erst in 30 Jahren erfunden. Danach war das Schnitzel meist schon kalt, weswegen sich der Vorgang nicht durchsetzte. Damals hieß der übliche Weg, anderen sein Essen zu zeigen, „Einladung“ (heute „Facebook“).

Damals gab es noch sogenannte Ansichtskarten (das waren ausgedruckte und per Post verschickte Urlaubs-Postings). Eine Ansichtskarte bot gerade genug Platz für genau fünf menschlich wertvolle Lügen:
Lieber Thomas (1)! Mir geht es gut (2). Ich hoffe, dir geht es auch gut (3). Das Wetter ist super (4). Dein Freund Martin (5).

Die Urlaubszeit naht, und die Ansichtskarte fehlt eindeutig im sozialen Gefüge.

Guido Tartarottis neues Kabarettprogramm "Selbstbetrug für Fortgeschrittene" ist am 31. Mai in der Kulisse Wien und am 8. Juni im Casino Baden zu sehen.