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22.02.2018

„Menschenmaterial: Unbefriedigend“

Er kam nicht freiwillig nach Wien, er kam als Kriegsgefangener der Nazis.

Mag. Uwe Mauch | über Zwangsarbeit in Wien

Was für eine beschissene Welt! Er kam nicht freiwillig nach Wien, er kam als Kriegsgefangener der Nazis. Am Heiligen Abend 1943 begann er in der Hauptwerkstätte der Wiener Verkehrsbetriebe als Lehrling zu arbeiten. Er war damals noch nicht einmal 15 Jahre alt.

Was für eine beschissene Welt! Am 21. Februar 1945, nur wenige Wochen vor Kriegsende, kommt der in Polen geborene Eduard Müller bei einem Fliegerangriff in Wien ums Leben.

Es ist dem Management der Wiener Linien zu verdanken, und dem Engagement des pensionierten Straßenbahners Walter Farthofer, dass nun mehr über das beinharte Unglück der Zwangsarbeiter bei den Verkehrsbetrieben bekannt wird.

Farthofer hat im Archiv der Wiener Linien eruiert, dass 442 Niederländer zwangsweise als Tramfahrer oder Mechaniker in Wien arbeiten mussten, weiters 264 Polen, 177 Griechen, 115 Russen, 107 Belgier sowie einige andere mehr.

Noch eine Zahl: Alle Leistungen, die Zwangsarbeiter für die Wiener Verkehrsbetriebe erbrachten, ergeben in Summe 570.678 Arbeitstage. Das ihnen zugefügte Leid konnte mit den Entschädigungszahlungen niemals aufgewogen werden. Walter Farthofers Buch mit dem Titel „Menschenmaterial: Unbefriedigend“ ist somit mehr als eine Geste.