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09.03.2013

Venedig

Ist Venedig bald ein neues Disneyland, ein Freiluftmuseum ohne Venezianer?

Michael Horowitz | über die Lagunenstadt.

Vom Morgengrauen bis zum Sonnenuntergang beherrschen die Touristen die Lagunen. Nachts übernimmt unbemerkt eine gigantische Armee von Ratten das Kommando über Kanäle, Keller der Paläste, marode Fundamente. Venedig – ein Kaleidoskop aus Schmutz und Schönheit, Lebenslust und Melancholie. Für Thomas Mann halb Märchen, halb Fremdenfalle. Mehr als 20 Millionen Touristen kommen pro Jahr, während des Karnevals täglich rund 200.000. Die Stadt hat nur mehr 55.000 Einwohner. Statistisch gesehen verlässt pro Tag einer seine Heimat- stadt. Ist Venedig bald ein neues Disneyland, ein Freiluftmuseum ohne Venezianer? Ein über- triebenes Schreckensszenario. Die mitunter ungeliebten Fremden bedeuten ein Geschäft von mehr als vier Milliarden jährlich. Man kauft Masken und Muranogläser made in China, lässt sich vom Gondoliere an den versinkenden Zeugen der Vergangenheit vorbeischaukeln und zahlt für Bellini, Prosecco & Co Summen, die oft die Frechheits-Skala sprengen. Trotzdem: Touristen werden weiter, bis alles versinkt, wie Lemminge die Lagunenstadt ansteuern. Ich auch.

michael.horowitz@kurier.at