hund & HERRL: Stillsitzen

Foto: KURIER

Barolo findet Gefallen am Lesen.

"Schau", sagt mein Hund Barolo, "es wird wieder schön." Wir sitzen nebeneinander im Gras, und im Westen der Manhartsberg, und über dem Manhartsberg unheil- verkündende Regenwolken, denen der Sinn danach steht, den Herbst schon ins Land zu tragen. Der Barolo hat den Sommer gut überstanden. Er lag im Schatten und las. Er las "Tiere essen" von Jonathan Safran Foer. In dem Buch geht der Autor dem Unwesen der Food-Industrie nach und entscheidet sich nach seiner Recherche dafür, künftig Vegetarier zu sein. Der Barolo fand das Buch humorlos. Dann las er "Puma", den legendären Krimi von Ulf Miehe. Die Story aus dem Jahr 1976 ist grandios und noch grandioser erzählt. Keine Ahnung, warum der Autor so vergessen ist. Der Barolo fand das Buch aufregend und benahm sich nach der Lektüre ein bisschen seltsam, vermutlich, weil er versuchte, so lakonisch wie der Puma spazieren zu gehen. Später las er "Die Kunst stillzusitzen" von Tim Parks. Das Buch beginnt bei gesundheitlichen Beschwerden und endet bei einer Hymne an die Meditation, aber der Hund musste ununterbrochen lachen, und er fand solchen Gefallen an der Selbsterkundung des englischen Schriftstellers, dass er mich zwang - zwang! -, das Buch ebenfalls zu lesen, und ich tat es mit Gewinn, Ergriffenheit und Gelächter - was kann man mehr über die Wirkung eines Buches sagen? Das: seit wir "Die Kunst stillzusitzen" gelesen haben, sitzen mein Hund und ich still im Gras. Wir warten, dass es wieder schön wird. Ich möchte, dass es noch ein bisschen warm bleibt, aber mein Hund wünscht sich Morgennebel, frischen Wind und kühle Temperaturen. Wir sitzen still. Wir warten, was kommt.

(kurier / Christian Seiler) Erstellt am
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