Autostopp

Ich war neu und nach dem letzten Schrei gekleidet. Die Menschen liebten mich aufrichtig ... nun habe ich Konkurs angemeldet.

Karl Hohenlohe | über das Autokino

Ich wurde 1966 in Groß-Enzersdorf geboren. Ein wunderbarer Jahrgang, die ganze Welt gierte nach Unterhaltung und ich war dazu ausersehen, die Menschen mit meinen Bildern glücklich zu machen. In Wien feierte man gerade die Premiere des Lichtspielfilms: "Der Kongress amüsiert sich" und Bürgermeister Marek schüttelte Curd Jürgens die Hand. Die "Viennale 1966" beging die "Internationale Festwoche des heiteren Films" und aus dem gelobten Land war einer der heitersten Menschen überhaupt angereist.

Noch heute sehe ich Groucho Marx in der Urania sitzen. 1967 wurde ich dann eröffnet, lange Autokolonnen drängten zu mir, stellten sich in Reih und Glied auf und lauschten meinen Geschichten.

Ich war das einzige Autokino des Landes, ich war neu, ich war modern und nach dem letzten Schrei gekleidet. Die Menschen liebten mich aufrichtig, sie aßen Popcorn, Sportgummi und Fizzers und viele küssten sich das erste Mal in meiner Gegenwart. Nein, es wurde nicht plötzlich ruhig um mich, es war ein schleichendes Sterben. Irgendwann wurden die Autos und die Besucherzahlen kleiner. In Wien boomten die Kinos, ich wurde runderneuert, bekam statt einer, drei Riesenleinwände. Aber die Menschen schienen des Kinos satt. Sie versammelten sich lieber vor diesen winzigen Apparaten zu Hause, der Zauber des Filmes verschwand und irgendwann wusste keiner der Jungen mehr, was "Cinemascope" bedeutet.

Nun habe ich Konkurs angemeldet oder wie es Groucho gesagt hat: "Was kümmert mich die Nachwelt. Die Nachwelt hat sich auch nie um mich gekümmert."

Erstellt am 26.02.2015