über die Stimmung in Brasilien
06/11/2014

Auf der Suche nach dem WM-Fieber

von Cacau

Von Begeisterung ist so kurz vor WM-Beginn noch nicht viel zu spüren.

Cacau | über die Stimmung in Brasilien

Manchmal schaffen es meine brasilianischen Landsleute doch, mich zu überraschen. Als ich die Endphase der WM-Vorbereitungen noch von Deutschland aus beobachtet hatte, war ich mir sicher gewesen, dass sich alles zum Guten wenden würde, wenn das Turnier beginnt. Ich rechnete fest damit, dass der Ärger der Bevölkerung wegen der hohen Kosten für die Stadien, die Korruption und die nicht eingehaltenen Versprechen in den Hintergrund rücken würde, denn die Brasilianer sind viel zu fußballverrückt, um sich die Chance auf ein riesiges Fest im eigenen Land entgehen zu lassen. Aber: Von Begeisterung ist so kurz vor WM-Beginn noch nicht viel zu spüren.

Vor den letzten Weltmeisterschaften begannen die Brasilianer in meiner Heimatstadt schon Wochen vor dem ersten Spiel, die Straßen in den Nationalfarben zu schmücken. Überall hingen Flaggen, die Restaurants waren in Gelb und Grün dekoriert. Kinder liefen mit dem Trikot der Seleção durch die Straßen. Dieses Mal ist in Mogi das Cruzes nichts von der bevorstehenden WM zu spüren, abgesehen von ein paar geschmückten Autos. Dabei liegt die Universitätsstadt im Speckgürtel von São Paulo, keine 40 Kilometer entfernt vom neuen Corinthians-Stadion, wo am Donnerstag Brasilien in die WM startet. Viele Menschen sind in den vergangenen Jahren mit dem Zug täglich auf dem Weg zur ihrer Arbeitsstelle an der WM-Baustelle im Stadtteil Corinthians vorbeigefahren und haben gesehen, dass da eine schöne Fußball-Arena entsteht, wenngleich sie erst im letzten Augenblick halbwegs fertiggestellt wurde. Aber richtig stolz darauf ist niemand. Die Euphorie, die nach der WM-Vergabe 2007 überall im Land geherrscht hatte, ist längst der Wut auf die Politik gewichen.

In den vergangenen zwei Wochen habe ich mit vielen Menschen über die Stimmung im Land gesprochen. Meine Eltern und Geschwister mit ihren Familien, die alle in der Nähe von São Paulo wohnen, sind ebenso verwundert wie ich. In Rio traf ich Jorginho, und auch im Gespräch mit dem Ex-Profi von Leverkusen und Bayern drehte sich viel um diese im besten Falle Gleichgültigkeit im WM-Land. Mir kommt es so vor, als ob viele Menschen erst einmal abwarten würden, was passiert in den nächsten Tagen, vor allem, wie die Seleção ins Turnier startet. Läuft es gut, bin ich überzeugt, dass im Stadion der Funke überspringt. Das könnte dann die Initialzündung für ein ganzes Land sein, so wie es 2006 in Deutschland der Last-Minute-Sieg gegen Polen war.

Cacau kam als Claudemir Jerônimo Barreto 1981 zur Welt und wuchs in Mogi das Cruzes, im brasilianischen Bundesstaat São Paulo, auf. 1999 kam er nach Deutschland, wo er zehn Jahre später die Staatsbürgerschaft bekam. Der Stürmer spielte 23-mal für Deutschland und zuletzt bei Stuttgart.

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