Meinung | Kolumnen | chaos DE LUXE
14.10.2017

Alphabetisierungs-Jazz

Warum Bücher kriminelle Energien freilegen

Warum Bücher kriminelle Energien freilegen

Polly Adler | über Alphabetisierungs-Jazz

Meine Eltern waren Anfang 20, als ich in ihr Leben trat. Dementsprechend prall war ihre Konfliktenergie. Wenn die Wogen besonders hoch schlugen, stülpte ich mir den Polster über die Ohren und baute mir mit einer Taschenlampe ein Eltern-Zoff-Leo. Als ich alphabetisiert worden war, fand ich, dass man die Leo-Zeit genauso gut auch lesend nützen könnte. Ich wurde Astrid-Lindgren-süchtig, auch weil die Festgelage bei Michl und den Bullerbüianern so fantastisch waren. Ich frage mich bis heute, wie wohl gestockter Schweineblutpudding schmecken mag. Im Nöstlinger-Land fand ich Trost, weil sich die Eltern der dortigen Kinder auch ständig in den Haaren lagen. Man fühlte sich dann nicht so allein. Irgendwann hatten meine Eltern so viele Schlachten absolviert, dass ich in der Bibliothek in Baden wirklich kein einziges Exemplar aus der Kinder- und Jugendabteilung nicht gelesen hatte. Ich fand die Atmosphäre dort so heimelig, dass ich um fünf Schilling die Stunde in den Ferien die retournierten Bücher wieder einordnete. Ab da durfte ich mir auch bei den Erwachsenen Bücher borgen. Meine Lese-Defloration war „Billard um halb zehn“ von Heinrich Böll, rückblickend kein Kracher, Agatha Christie hatte mehr Jazz. Wenn ich später mit Abschnittsherren verreiste, verdrehten die immer nur die Augen, wenn ich mit einem eigenen Bücherkoffer anrollte. Ich bin der Meinung, dass man Menschen, die nicht lesen, meiden sollte wie Victoria Beckham Kohlenhydrate nach 18 Uhr. Einmal bin ich nachts sogar in Altaussee in ein Bootshaus eingebrochen, weil ich in einer Zille meine Lektüre vergessen hatte. Es war der Roman „Phantomschmerz“ von Arnon Grünberg. Gibt es einen passenderen Titel für ein Buch, das man so sehr vermisst, dass es kriminelle Energien freilegt? Meine Eltern sind übrigens bis heute verheiratet. Sie streiten noch immer. Und ich lese noch immer. So gesehen alles gut.

www.pollyadler.at

polly.adler@kurier.at