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Leitartikel
04/25/2020

K(l)eine Lobby für kleine Kinder

In der Corona-Krise wurden Kindergärten als reine Verwahrungseinrichtungen betrachtet. Das sollte sich schleunigst ändern.

von Philipp Wilhelmer

Im Wettrennen, wer in der Corona-Krise die kleinste Lobby hat, liegen Kleinkinder und deren Betreuungspersonen in Führungsposition.

Wer in den vergangenen Wochen auch nur ein klitzekleines fachkundiges Signal der Regierung dahingehend erwartet hatte, was die pädagogische Betreuung der 1- bis 5-Jährigen angeht, war zunächst erstaunt, dann ratlos und dann zornig.

Bundeskanzler Sebastian Kurz fasste die Prioritätensetzung recht offen zusammen: Es sei keine Schande, Betreuung für Kleinkinder in Anspruch zu nehmen, erklärte er. Willkommen in den 70er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts.

Kindergärten sind Ländersache, und da ist es wie auf hoher See und vor Gericht: Man ist in Gottes Hand. Und da hat man eben manchmal auch Pech. Zum Beispiel die Steirer, deren Bildungslandesrätin Juliane Bogner-Strauß in einem Brief an die Eltern appellierte, „nicht leichtfertig“ mit dem Angebot offener Kindergärten umzugehen. Hier wird suggeriert, dass große Gefahr von den Gruppen ausgeht. Warum sperrt man dann auf? Und wenn man aufsperrt, warum hängt man den Eltern den Schwarzen Peter um, wenn sie allzu leichten Herzens dafür sorgen, dass ihren Kindern wieder Abwechslung unter Gleichaltrigen ermöglicht wird? Dass sie von geschultem (und weit unterbezahltem) Personal liebevoll betreut werden? Dass sie versuchen, ihren Job und ihr Familienleben wieder ein Stück weit zu trennen, um nicht endgültig im persönlichen Chaos zu versinken? Solche Äußerungen gereichen in ihrer Unachtsamkeit zur Boshaftigkeit.

Die Gesellschaft für Kinder- und Jugendheilkunde hat diese Woche appelliert, Kinder nicht zu den Schuldigen der Corona-Krise zu machen. Es gebe keinerlei fundierte Hinweise darauf, dass sie für hohe Infektionsraten verantwortlich seien. Die Geschichte von den kleinen „Superspreadern“ – eine Mär? Vielmehr empfehlen die Fachärzte, Kindern so rasch wie möglich eine Rückkehr zur Normalität – also ein Ende der Isolation – zu ermöglichen.

Bildungsminister Heinz Fassmann signalisierte, dass er verstanden hat: „In Zeiten von Corona soll das Bild des Kindergartens nicht wieder auf die reine Betreuungsfunktion für die, die ihre Kinder nicht anders unterbringen, reduziert werden“, erklärte er am Freitag.

Kleinkinderbetreuung ist mehr als Verwahrung. Dem viel zitierten vererbten Bildungsgrad wird hier in einer ersten und wichtigen Stufe entgegengewirkt – Volksschullehrer können davon endlos erzählen. Kindergarten hilft dem Spracherwerb, übt soziale Kompetenz und gibt den Eltern die Möglichkeit, Geld zu verdienen – nicht alle haben den Luxus, hierüber frei zu entscheiden.

Kleinkinder sind spätere Schulkinder, sind spätere Erwachsene. Es wird Zeit, ihre Bedürfnisse ernst zu nehmen.

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