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Leitartikel
07/03/2020

Kein Sommer wie damals

Wir gehen in einen Sommer voll Ungewissheit – und hoffen auf einen Herbst im „Normalbetrieb“. Was auch sonst?

von Rudolf Mitlöhner

Es geistert seit geraumer Zeit durch die Medien: die Vorstellung von Urlaub und Ferien wie anno dazumal, als man noch Sommerfrische sagte. Die Bilder dazu sind noch im kollektiven Gedächtnis gespeichert und haben jedenfalls viel mit Idylle, Einfachheit und Ursprünglichkeit zu tun.

Vizekanzler Werner Kogler erinnerte im Rahmen eines Pressegesprächs am gestrigen letzten Schultag (in Ostösterreich) daran, dass es einen gravierenden Unterschied gibt: Damals war kein Virus weit und breit auszumachen und Pandemie eher ein Fremdwort.

In der Tat, wir gehen in einen Sommer voll Ungewissheit und sind doch bestrebt so zu tun, als wäre nichts. So ist der Mensch eben. So sehr er im Kopf nach Abenteuer, Abwechslung, Aufbruch strebt, so sehr will er doch im Herzen „Normalität“: das Vertraute und Berechenbare.

Die Regierungsspitze weiß das und versucht dem Rechnung zu tragen, jeder auf seine Art: der Grüne Kogler unter Verwendung dialektischer Begriffspaare (Freiheit/Verantwortung, Genießen/Verstand); der Liberalkonservative Kurz mit Appellen an die pragmatisch-ökonomische Vernunft („alles tun, um zweiten Lockdown zu verhindern“). Beide wissen, dass ihre Aussagen auf dem Prinzip Hoffnung basieren. Es gilt, das Unwägbare einigermaßen abzuwägen, das Unfassbare irgendwie zu fassen  – etwa durch ein, vorerst nur sehr vage skizziertes, neues Krisen- und Katastrophenschutzgesetz.

Den Schlüsselbegriff, der ausdrückt, worum es letztlich geht, steuerte ein anderes Regierungsmitglied, gemünzt auf sein Ressort, bei: „Normalbetrieb“. Auf einen solchen setzt Bildungsminister Heinz Faßmann für die Schulen im Herbst. Aber es ist das, was alle für alle Bereiche wollen: Normalbetrieb.

Daher setzt der Kanzler auch so stark auf regionales Containment: „Wir wollen keine österreichweite Reaktion auf einen regionalen Cluster.“ Auch dies vor dem Hintergrund der Hoffnung: dass sich möglichst kleinräumig einhegen lässt, was von seinem Wesen her auf größtmögliche – virale – Verbreitung angelegt ist.

Der Rede vom Normalbetrieb lässt sich noch ein weiterer Aspekt abgewinnen. Man kann ihn als Gegenbegriff zu all den kursierenden Welt- und Systemveränderungsfantasien in Stellung bringen. Es gibt ja zurzeit kaum einen Bereich, von dem nicht prophezeit wird, nach Corona werde „nichts mehr so sein, wie es vorher war“.

Nun soll und kann nicht alles bleiben, wie es ist – und das tut es ja ohnedies nicht. Aber die nicht selten mit großer moralischer Geste vorgetragenen Verheißungen vom big change sind meistens eher eine gefährliche Drohung: für Freiheit und Wohlstand. Diese sind eine Frucht des „Normalbetriebs“ – und sichern ihn gleichzeitig.