Meinung
22.12.2017

Der Weg im Wald

Über einen Weihnachtsausflug, den ich erst jetzt verstehe.

Vielleicht hat er hier früher viel Zeit verbracht.

Barbara Kaufmann | über einen Weihnachtsausflug, den ich erst jetzt verstehe.

Der Weg, der zum Haus führt, in dem mein Vater aufgewachsen ist, war früher kein richtiger Weg. Sondern ein schmaler Trampelpfad, den die Bewohner über die Jahrzehnte ausgetreten hatten, wenn sie zur Arbeit gingen oder zur Schule, wie mein Vater. Fünf Kilometer in eine Richtung bei jedem Wetter.

Der Pfad führte von der Dorfstraße über die große Wiese hinein in den Wald, vorbei an den Birken, von denen mein Vater als Kind eine mit seinen Freunden gefällt hatte. Eine Mutprobe. Sie haben sie bestanden. Er ging bis zum Holzzaun, der das Haus umgab und damals morsch war und brüchig. Die Bewohner benutzten ihn aus Trotz. Immer den gleichen schmalen Pfad, Sommer wie Winter, bis man ihn schon von weitem erkennen konnte. Auch wenn das Gras hoch stand, auch wenn der Schnee lag. Als wollten sie den Menschen im Dorf zeigen, dass da unten im Wald jemand lebte, atmete und träumte. Hilfsknechte und Hilfsmägde, Tagelöhner, die man gern vergaß.

Irgendwann fasste sich die Gemeinde ein Herz, verbreiterte den Pfad und schüttete eine Ladung Schotter darauf. Ab diesem Moment war es kein Pfad mehr, sondern ein Weg. Die Bewohner des Hauses im Wald waren stolz auf ihn. Nun konnte man mit dem Auto zum Haus zufahren, auch wenn das nie geschah. Weil damals keiner eines hatte. Zu diesem Weg, der zu dem Haus führt, in dem mein Vater aufgewachsen ist, fuhren wir oft am Nachmittag des Weihnachtstags, mein Vater und ich. Er stellte den Wagen ab und ging los. Über die Straße und dann querfeldein wie er es als Junge gemacht hatte bis zum Wald, in dem er dann verschwand, um Tannenzweige abzuschneiden.

In seinen Spuren

Ich ging ihm nach und wenn Schnee lag, versuchte ich in seine Spuren zu treten, um nicht nass zu werden und nicht zu versinken. Ich mochte diese Ausflüge nicht besonders. Ich hatte Angst im Wald, noch mehr vor meiner Oma, ich machte mir nichts aus Tannenzweigen. Zuhause im Wohnzimmer in unserem Haus in der Stadt warteten schon die Nachbarskinder mit Tee und Keksen. Es war warm dort und fröhlich. Ich stand im Schnee, fror, sah meinem Vater zu, wie er von einem Baum zum nächsten ging. Immer weiter in den Wald hinein bis die Sonne hinter den Bergen verschwand. Dann hatte er endlich genug.

Wir stapften zurück zum Auto, er ging voraus mit den Zweigen über der Schulter, ich hinten nach. Wie zwei Figuren aus einem Wintermärchenbuch, nur schlechter gelaunt. Zurück im Auto legte er die Zweige auf die Rückbank, drehte die Heizung auf und während der halbstündigen Fahrt durch die Dunkelheit nach Hause in die Stadt, zurück ins Helle und Warme breitete sich ein unglaublich intensiver Geruch im Auto aus. Es roch nach Harz, nach Tannennadeln und nach Wald.

Was ich nicht wusste, was ich erst heute beginne zu verstehen: für meinen Vater roch es nach viel mehr. Nach langen Märschen von der Schule nach Hause, nach harten Wintern und nach dem Fällen einer Birke gemeinsam mit den Freunden. Es ist seltsam mit Eltern. Als Kind versteht man sie nicht und wenn man es endlich könnte, sind sie oft nicht mehr da. All die Jahre wollte er nie über seine Kindheit sprechen. Und doch hat er sich zu Weihnachten immer ein Stück von ihr nach Hause geholt. Er hat sie nie vergessen.

barbara.kaufmann@kurier.at