Meinung
17.11.2017

Das Leben des Anderen

Nicht alle wollen leben wie man selbst.

Der Frau am Nebentisch schien es zu reichen.

Barbara Kaufmann | über das Leben des Anderen.

Vor ein paar Tagen saß ich am Cobenzl allein auf einer Bank und blickte auf die nebelverhangenen Hügel ringsherum. Die Stadt, über die sie sich erheben, war nicht zu sehen an diesem Tag. Sie lag wie unter einem dicken grauen Vorhang und intuitiv suchte man nach einer Kordel, an der man ziehen könnte, damit das Grau zu Boden fiel und verschwand. Aber da war keine. Der November ist unter den Monaten der unbarmherzigste. Gnadenlos kürzt er die Tage zusammen und taucht das, was von ihnen übrig bleibt, unerbittlich in ein weißes Licht, an dem man kaum erkennen kann, ob draußen Vormittag oder Nachmittag ist.

Wenn das Grau mir zu sehr auf die Seele drückt, fahr ich gern mit dem Bus hinauf auf den Cobenzl, den Kahlenberg oder den Leopoldsberg. Den Hügeln rund um Wien, zu denen man wohl weder im Süden noch im Westen des Landes „Berge" sagen würde. Aber man nimmt, was man kriegt und dort oben reißt der Himmel zwar auch nicht auf und offenbart zumindest ein paar blaue Stellen, aber die Luft riecht frischer nach feuchtem Laub und die gelben und roten Blätter der Bäume leuchten fröhlich durch den weißen Dunst. Die Wiesen sind noch grün und wenn man Glück hat, trifft man nette Menschen am Weg, die einem spannende Geschichten über Insekten erzählen und sich danach verabschieden, indem sie sagen: „Schaun'S halt wieder amal vorbei!“ So als müsste man nur zurückkehren zu jenem Weg auf der großen Wiese zwischen Café Cobenzl und Baumkreis und sie würden dort schon auf einer der Bänke warten. Jeden Tag, ganz selbstverständlich. Eigentlich eine schöne Vorstellung.

Nach dem Spaziergang setzte ich mich noch ins Café und während ich meinen Tee trank, wurde ich Zeugin einer seltsamen Szene am Nebentisch. Da saß eine Frau einem Pärchen gegenüber, alle drei waren vielleicht Ende 50, und die beiden redeten ununterbrochen aufgeregt auf sie ein. Leise, um nicht gehört zu werden, zischten sie in ihre Richtung und beugten sich dabei auch immer weiter nach vor, bis die Frau schließlich auf ihrem Sessel unmerklich ein Stück zurück rutschte und laut stöhnte: „Aber vielleicht will ich gar nicht, dass ihr mir alle helfts." Mir fiel plötzlich ein Bild aus unserer alten Ausgabe von „Max und Moritz“ ein, in dem das Federvieh des Müllers am Schluss die Überreste der beiden Buben herzlos vom Boden aufpickt und verspeist. Wie hemmungslos man doch manchmal im Leben des anderen herumstochert, dorthin pickt, wo es nicht rund läuft. Wo Menschen allzu Wagemutiges tun, Unvernünftiges, Ungesundes. Wie oft man sich ungefragt einmischt, den Anderen mit Ratschlägen geradezu erschlägt. Weil man wirklich helfen will, weil man es besser weiß, manchmal vielleicht auch weil einem die Fantasie für das Leben des Anderen, das vom eigenen so sehr abweicht, verloren gegangen ist. Der Frau am Nebentisch schien es zu reichen. Sie stand auf und ging. Später hab ich sie im Bus wiedergetroffen. Sie saß am Fenster und blickte hinaus ins Grau, das man nicht wegziehen konnte wie einen Vorhang, und als sich der Bus in Bewegung setzte und mit uns nach unten wackelte, zurück in die Nebelsuppe, da lächelte sie plötzlich. Und wirkte ganz zufrieden so allein mit sich.

barbara.kaufmann@kurier.at