Meinung
23.02.2018

Auf der Insel

Ein Tee auf einer warmen Insel mitten im Eismeer der Stadt.

Ich mag den Winter nicht besonders in der Stadt. Alles ist abweisend, kalt und fremd.

Barbara Kaufmann | Kälte in der Großstadt

Im Winter kann die Stadt sehr grausam sein. Jeder friert, will nur weiter, endlich ins Warme, hat einen Tunnelblick, sieht nicht nach links oder nach rechts, auch nicht nach denen, die nirgendwohin können. Im Winter sind die Menschen rücksichtloser, wenn auch oft ohne Absicht. Sie hören nichts unter ihren Mützen und Kapuzen, außer den eigenen Atem, sie spüren nichts unter ihren dicken Jacken, sie merken nicht, wenn jemand neben ihnen strauchelt oder fällt, weil sie ihn stoßen.

Ich mag den Winter nicht besonders in der Stadt. Alles ist abweisend, kalt und fremd, selbst jene Häuser, die man kennt. Die Türen und Fenster zu, die Vorhänge geschlossen, die Jalousien dicht.

Vor ein paar Tagen stand ich nachts an einer Haltestelle und wartete auf einen Bus, der nicht kommen wollte. Der Wind blies mir scharf ins Gesicht und wehte ein paar verirrte Schneeflocken auf meine Wangen. Und als mich eine Böe von der Seite erwischte, so unerwartet und brutal wie eine schlechte Nachricht, da reichte es mir und ich rannte los, als könnte ich dem Winter so entkommen. Blindlings in ein Lokal nahe der Haltestelle, in dem ich noch nie gewesen war. Es war klein, eng und verraucht, aber warm und gemütlich wie eine Insel mitten im Eismeer der Stadt. Auf einer schwarzen Tafel hinter der Bar standen die Getränkepreise mit Kreide geschrieben und waren schon ganz verwischt. In der Vitrine lagen Mannerschnitten, Dosenfische, an der Decke hing eine einsame Faschingsgirlande und in der Ecke stand eine Musicbox mit einer dicken Staubschicht auf den Tasten. An der Bar lehnten drei Männer zwischen 50 und 60, dahinter stand der Wirt, ein großer schlanker Mann mit weißen Locken. Ich bestellte einen Tee und setzte mich an den einzigen Tisch, der leer stand.

Kummer

Aus den Boxen schmetterte "As time goes by" und schon nach dem ersten Schluck fühlte ich mich besser. Die Männer beachteten mich nicht. Einer von ihnen, mittelgroß mit ausgebeulten Jeans, schütterem Haar und einem gutmütigen Zug um die Lippen, hatte den Kopf gesenkt. Er schien an irgendeinem Kummer zu leiden.

"Sie will nimmer, oder?!" fragte er in die Runde und es wirkte nicht wie eine Frage, sondern schien traurige Gewissheit zu sein. Die anderen beugten sich zu ihm, schoben das Bierglas näher an ihn heran, boten ihm eine Zigarette an, die er nicht nahm.

Es war eine seltsame Zärtlichkeit zwischen ihnen, die nicht dem Alkohol geschuldet schien oder der späten Stunde. Sie hatten nichts von einer Trinkbruderschaft, kein Gegröle, keine glasigen Augen, sondern echte Fürsorge in ihren Blicken. Der Mann mit dem schütteren Haar seufzte, leerte sein Glas und knöpfte seinen Mantel zu. Und man merkte, dass er es nicht eilig hatte, nach Hause zu kommen. Vielleicht, weil dort niemand mehr auf ihn wartete. Ich zahlte und zog den Reißverschluss meiner Jacke wieder zu und gerade als ich gehen wollte, löste sich auch der Mann von der Theke. Er schwankte ein wenig. Sofort stützte ihn sein Nachbar.

Da legte ihm auch der Wirt den Arm auf die Schulter, liebevoll, nicht grob und sagte: "Na kumm, bleib da." Einer der Männer bestellte Frankfurter mit Senf und Kren für alle. Und irgendwie wäre ich auch gerne geblieben.