Meinung
11.11.2018

JETZT geht’s um die nächsten 100 Jahre

Einer unserer größten Feinde ist der Konjunktiv. Wo künftig Österreichs konkrete Chancen liegen.

Wir haben es geschafft. Wir sind ein Wirtschaftswunderland. Wir sind ein Winterwunderland. Wir sind ein Kulturwunderland. Und ein Land zum Wundern. Wundersam widersprüchlich.

Nehmen wir zum Beispiel unsere Größe. Wir sind stolz darauf, dass wir einmal groß waren. Und wir sind wahnsinnig froh darüber, ziemlich klein zu sein. Die Architektur in der für dieses kleine Land viel zu großen Wienerstadt ist ein sichtbares Zeichen dieser (ökonomischen wie geistigen) Ambivalenz.

Wir wollten unseren größten Dom mit zwei gleich hohen Türmen ausstatten. Einer davon blieb unvollendet. Aber wir waren nahe dran ...

Wir wollten Schönbrunn – zugegebenermaßen ebenfalls lange vor der Republikswerdung – noch viel größer und prunkvoller auf der Anhöhe im Schlossgarten bauen. Und was ist daraus geworden? Eine fesche Gloriette. Wenigstens versucht ...

Wir wollten die Wienzeile als Prachtboulevard vom Karlsplatz bis Schönbrunn gestalten – bis der Plan nach maximal einem Viertel der Länge aufgegeben wurde. Im Fast-Weltmeistersein sind wir Weltmeister.

Ambivalent ist auch unser Selbstbewusstsein. Wir glauben, nach wie vor die Kaiser Europas zu sein – und fühlen uns gleichzeitig hilflos. Wir lieben unser Dorf (das ja auch Wien im Prinzip ist) – und schimpfen ständig darüber. Das Glück liegt für uns immer im nächsten Tal.

Der schmale Grat zum Chauvinismus

„Es ist ein gutes Land“, hieß es schon bei Grillparzer. Deshalb haben wir Tränen in den Augen, wenn die ersten Takte zum „Donauwalzer“ erklingen. Gleichzeitig zählt übertriebener Patriotismus, ja Chauvinismus zu unseren schrecklichsten Eigenschaften. Wahrscheinlich, weil wir geografisch nur noch ein Zwerg sind.

Der KURIER widmet die heutige Zeitung und seine Online-Storys dem 100. Geburtstag der Republik, der am Montag gefeiert wird. Natürlich in der Staatsoper, wie es sich für ein stets zurückschauendes Land gehört.

Ebenso wichtig wie Geschichtsstunden und eine Bestandsaufnahme ist aber der Blick nach vorne. Wo werden wir, also nicht wir persönlich, in 100 Jahren stehen? Was wird aus diesem Land geworden sein?

Die Zukunft beginnt jetzt, sogar großgeschrieben JETZT, weil wir in der sich schneller drehenden Welt keine Zeit verlieren dürfen. Unsere Rolle als Vermittler zwischen Ost und West gibt es nicht mehr. Unsere Position im Zentrum Europas hilft uns auch nix, weil Europa nicht mehr das Zentrum sein wird. Das Match um die Zukunft spielt sich zwischen China und den USA ab, dazwischen ist der Pazifik und nicht Österreich.

Aber wo liegen dann unsere Chancen gegen Milliarden leistungsorientierte Asiaten? In der Bildung. In der Kreativität. In der Innovation. Wir müssen mehr wissen. Wir müssen auf Qualität setzen. Auf Spezialisierung. Als Feinkostladen haben wir Top-Möglichkeiten. Und als Feinmechanikladen. Als eines der reichsten Länder wären wir dafür gut gerüstet. Machen wir aus dem so österreichischen Konjunktiv eine Realität.