korentschnig.jpg

© Kurier

Meinung
02/02/2020

Im Land der Nörgler und Hätti-Waris

Was Dominic Thiem so auszeichnet. Und was ihn mit Wissenschaftlern, Künstlern und Unternehmern verbindet.

von Gert Korentschnig

Wunderteam – so wurde die österreichische Fußball-Nationalmannschaft genannt, die zu Beginn der 1930er-Jahre 16 Spiele in Folge ungeschlagen blieb. Erstmals taucht der Name auf, als Österreich die deutsche Mannschaft in Berlin mit 6:0 vom Platz schoss.

Nun hat Österreich einen Wunder-Thiem – ebenfalls nach einem Sieg gegen einen Deutschen, gegen Alexander Zverev. Wenn Sie, verehrte Leserin oder verehrter Leser, am heutigen Sonntag, vielleicht zum gemütlichen Frühstück, den KURIER konsumieren, spielt Dominic Thiem gerade als erster Österreicher um den Titel bei den Australian Open.

Eine andere Bestleistung hat er auch damit aufgestellt, dass er (nach Paris) nun schon am zweiten Ort im Endspiel eines Grand-Slam-Turniers steht. Unabhängig davon, wie das Tennismatch gegen Novak Djokovic ausgeht: Thiem zählt endgültig zu den Allzeit-Größen des österreichischen Sports. Und der Name Wunder-Thiem ist keine kindische Wortspielerei, sondern zeigt auch Parallelen mit dem Wunderteam, das als Schmieranski-Team begonnen hatte (also mit einer von Journalisten geforderten Aufstellung) und dem ebenfalls kaum jemand solchen Erfolg zugetraut hatte.

 

Auch der Autor dieser Zeilen ist, in typischer Negativ-Manier, daneben gelegen: Ich war KURIER-Berichterstatter beim bisher einzigen Grand-Slam-Turnier-Sieg eines Österreichers, von Thomas Muster 1995 in Paris – und der festen Überzeugung, dass kein anderer Österreicher in den folgenden Jahrzehnten ähnliche Sphären erreichen werde. Wie schön, wenn man sich täuscht.

Einzelkämpfer im Gemütlichkeitssumpf

Aber was macht Thiem so stark, so besonders, so erfolgreich im Land der Hätti-Waris, der Nörgler, der sich mit dem Mittelmaß Zufriedengebenden, der die Schuld stets bei anderen Suchenden? Er ist ein Einzelkämpfer, der nicht wegen, sondern trotz der herrschenden Strukturen an die Weltspitze kam. Wie Thomas Muster. Wie David Alaba. Wie Hermann Maier. Wie Marcel Hirscher. Noch dazu – im Gegensatz zum Skisport – in einer Disziplin, die weltweit mit ähnlicher Intensität betrieben wird.

Im üblichen Fördersystem, im Gemütlichkeitssumpf, im Heurigen-Behäbigkeitsmodus hätte er es niemals so weit geschafft. Das wiederum eint ihn mit manchen Spitzenforschern, Künstlern, Kreativköpfen und Unternehmern. Österreich ist immer noch das Land der Neider, aus dem man weggehen muss, um gefeiert zurückzukehren. Zählt irgendwo anders der Prophet so wenig wie hier?

Viel Arbeit auch für die neue Regierung, diesfalls konkret für Sportminister Werner Kogler, der bisher vor allem als Sport-Fan auffiel. Österreich braucht endlich ein Bekenntnis dazu, dass Exzellenz nichts Böses ist und auch die Nivellierung nach oben ein mögliches Ziel.

eine Newsletter Anmeldung Platzhalter.

Wir würden hier gerne eine Newsletter Anmeldung zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diesen anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Um diesen Artikel lesen zu können, würden wir Ihnen gerne die Anmeldung für unser Plus Abo zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diese anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Jederzeit und überall top-informiert

Uneingeschränkten Zugang zu allen digitalen Inhalten von KURIER sichern: Plus Inhalte, ePaper, Online-Magazine und mehr. Jetzt KURIER Digital-Abo testen.