Meinung
06/16/2016

Im Jammertal

Die Art, wie über den heimischen Fußball diskutiert wird, ist symptomatisch für das ganze Land.

Hören wir doch bitte auf, miese Leistung zu beschönigen.

Dr. Martina Salomon | über Österreichs Gemütszustand

Zwei Geschichten, zwei Welten: Am 6. Juni berichtete der KURIER über den härtesten Aufnahmetest der Welt – Gaokao: ein zweitägiger Prüfungsmarathon in China, der darüber entscheidet, bei welcher Universität sich ein Schüler später bewerben darf. Zur selben Zeit beschloss der Unterrichtsausschuss des österreichischen Nationalrats ein Schulrechtspaket, das ein Sitzenbleiben bis zur dritten Klasse Volksschule ausschließt.

Nein, niemand will den unmenschlichen Drill, dem asiatische Kinder ausgesetzt sind, damit fördert man nicht kreatives, selbstständiges Denken. Umgekehrt erzeugt eine Schule, die vor den Integrationsproblemen kapituliert hat und sich daher nichts mehr einzufordern traut, auch keine Leistungsträger. Das führt zu einer Gesellschaft, die zwischen Selbstüberschätzung und Minderwertigkeitskomplexen schwankt und immer eine Entschuldigung findet, warum ein Ziel verfehlt wurde.

Dieser labile Gemütszustand beherrscht auch den heimischen Fußball. Hören wir doch bitte auf, miese Leistung zu beschönigen, und das Pech, den Schiedsrichter und den ruppigen Gegner dafür verantwortlich zu machen. Versuchen wir, nicht nur die Psyche der armen, armen Verlierer zu verstehen, sondern sprechen wir Klartext: Hier wurden viel zu hohe Erwartungen an eine gut bezahlte, am Dienstag aber untermittelprächtige Truppe gesetzt, die ihr Leistungshoch blöderweise vor Beginn der Europameisterschaft hatte. (Wir lassen uns gern beim Spiel gegen Portugal eines Besseren belehren.)

Eine EM ist Hochleistungssport und keine therapeutische Selbsthilfegruppe. Wer Weltklasse sein will, muss härter zu sich sein, auch bei der Selbstkritik. Das trifft übrigens alle Bereiche. So gesehen muss man sich nicht nur um den Fußball-, sondern auch um den Wirtschaftsstandort Österreich große Sorgen machen.