über künstliche Intelligenz
01/07/2017

Hirn bitte weiterhin eingeschaltet lassen

Think positive! Künstliche Intelligenz bedeutet nicht, dass wir uns nur noch fernsteuern lassen.

von Martina Salomon

Wenn Menschen die Maschinen steuern, und nicht umgekehrt, können wir in einer schönen, neuen Welt leben.

Dr. Martina Salomon | über künstliche Intelligenz

Wie sehr dürfen wir in Zukunft noch selbst denken? Das Auto der Zukunft wird stau-vermeidend, mehr oder minder autonom fahren. Einparken kann es – theoretisch – jetzt schon allein, und dem Navi vertrauen viele auch schon blind.

Der Kühlschrank sollte demnächst selbsttätig Milch und Butter nachbestellen, das smarte Fitness-Armband zählt die Schritte des Trägers, und Apps werden künftig an unserem Verhalten erkennen können, ob eine Krankheit im Anflug ist. Der Facebook-Algorithmus lässt uns bevorzugt auf Inhalte stoßen, die wir im Wortsinn teilen. Wir verharren in der "Filterblase". Dank Kundenkarten kennt der Handel das Kaufverhalten genau und wird Konsumenten künftig noch viel individualisierter umwerben. Brauchen wir das alles wirklich? Oder bestimmt das technisch Machbare das, was wir zu wollen haben? Geben wir unsere Eigenständigkeit auf?

Freiheit zu leben, wie es einem passt

Nein, der Eindruck täuscht. Es gibt nämlich auch durchaus gegenläufige Trends: Noch nie hatten die Menschen so viele Entscheidungsmöglichkeiten, und das beginnt im Kleinen: So diktiert das Fernsehprogramm immer weniger, was jetzt gerade zu konsumieren ist, Fernsehen "on demand" (ORF TVthek , Netflix usw.) boomt. Und es endet im Großen: Wir lassen uns weder von Familie, Staat noch Religion vorschreiben, wie wir zu leben haben – müssen aber künftig wahrscheinlich darum kämpfen, dass es so bleibt. Weil auch berufliche Karrieren immer brüchiger werden, ist es nicht ratsam, sein Hirn bei der Firmen-Eingangstür abzugeben. Bis zur Pension dasselbe tun – das spielt es schon heute in vielen Branchen nicht mehr. Da gilt es, hellwach zu bleiben, um sich auch irgendwann einmal wieder umorientieren zu können, etwas Neues zu lernen. Und ist es nicht auch positiv, dass die Menschen von eintönigen und körperlich anstrengenden Tätigkeiten erlöst wurden, in denen man kaum denken muss? Oder dass uns künftig "nette" Roboter im Haushalt unterstützen werden?

Ja, kein Mensch kennt mehr die Telefonnummern seiner Freunde oder alle Jahreszahlen aus dem Geschichtsbuch. Und oft ist es auch zum Fürchten, wenn man junge Eltern betrachtet, die ins Handy starren, statt in die Augen ihrer kleinen Kinder. Vom wissenschaftlichen "Still Face Experiment" weiß man schon seit den Siebzigerjahren, wie schlecht sich unbewegte Gesichter der Mütter auf die Psyche von Babys auswirken.

Andererseits ist das Netz, klug genutzt, eine unendliche Wissens-Ressource. Und soziale Medien lassen uns mit Menschen kommunizieren, die wir längst aus den Augen verloren haben oder nie kennengelernt hätten. Zur Intelligenz gehört übrigens auch Kreativität, das schafft künstliche Intelligenz noch nicht.

Wenn weiterhin Menschen die Maschinen steuern, und nicht umgekehrt, können wir in einer schönen neuen Welt leben. Und das ist gar nicht zynisch gemeint.

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