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© Kurier

Leitartikel
10/18/2020

Hammer und Tanz – wie oft?

Die dringlichen Botschaften von Merkel und Kurz sind nachvollziehbar, aber allzu oft lässt sich das Spiel nicht wiederholen.

von Rudolf Mitlöhner

Ganz ähnlich die Dramaturgie, der Tonfall: Mit eindringlichen Worten wandten sich im Tagesabstand Deutschlands Kanzlerin Angela Merkel und ihr österreichischer Amtskollege Sebastian Kurz an die Öffentlichkeit. „Wir müssen jetzt alles tun, damit das Virus sich nicht unkontrolliert ausbreitet“, sagte Merkel. „Wenn wir soziale Kontakte reduzieren, können wir einen zweiten Lockdown in Österreich verhindern“, sprach Kurz.

Bei beiden die Botschaft: Es stehen uns harte Monate bevor – da müssen wir jetzt durch; und: Es liegt an jedem Einzelnen von uns, wie es weitergeht.

In Österreich werden wir heute von der Regierungsspitze erfahren, was das konkret heißt.  Das Repertoire der in Frage kommenden Maßnahmen ist im Prinzip bekannt, klar ist, die „neue Normalität“ wird wieder ein gutes Stück „neuer“ und damit weniger „normal“ werden.

Im März machte das Bild vom „Hammer und Tanz“ die Rede, welches der spanisch-französische Autor Tomás Pueyo in einem Essay vom März dieses Jahres geprägt hat: auf scharfe Restriktionen („Hammer“) folgt ein behutsames, subtil austariertes Wieder-Hochfahren („Tanz“) des gesellschaftlichen, wirtschaftlichen, kulturellen Lebens. Die Frage ist nur: Wie oft lässt sich diese Nummer wiederholen: schweres Geschütz, orchestriert von düsteren Szenarien und/oder Drohungen gegen Unbotmäßige – und die anschließende Frohbotschaft einer langsamen Lockerung?

Gelegentlich ist in der einschlägigen Debatte zu hören, die „Ich will alles, und das sofort“-Generation habe das Warten verlernt, dem digitalen Echtzeit-Menschen sei das Gespür für die Abfolge von Zeiten mit je unterschiedlicher Qualität abhandengekommen, die Bereitschaft zum Verzicht, zur Anstrengung um eines höheren Zieles willen.

Da ist viel Richtiges dran. Indes: im konkreten Fall stellt sich die Frage, ob das Ziel („Überwindung der Pandemie“) nicht allzu vage bzw. weit entfernt ist, als dass man so argumentieren könnte. Es geht eben nicht um den letzten Anstieg vor dem Gipfel, sondern eher liegen die Brecht’schen „Mühen der Ebenen“ auf lange Sicht vor uns.

Weniger schöngeistig formuliert: Wir müssen wohl „Corona“ schlicht als Teil unserer Lebenswirklichkeit zur Kenntnis nehmen – als eine weitere, oft unangenehme Krankheit und eine zusätzliche mögliche Todesursache neben anderen. Die wir hoffentlich so wie bisher andere Krankheiten auch durch medizinische Fortschritte immer besser in den Griff bekommen werden.

Das alles  ist natürlich kein Plädoyer für plumpe Sorglosigkeit, womöglich im Gestus des Widerstandskämpfers. Aber klar ist auch: Die Abfolge von „Hammer und Tanz“ kann nicht die Normalität sein.

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