über eine hysterische Medienszene
02/05/2014

Gold für die Hysterie

von Bernhard Hanisch

Internetartisten turnten ohne Netz der Recherche auf den Olymp der Sensationsgeilheit

Bernhard Hanisch | über eine hysterische Medienszene

ÖOC-Präsident Karl Stoss tendierte in die richtige Richtung: Die Sache mit dem Drohbrief hätte gar nicht an die Öffentlichkeit gelangen dürfen. In Absprache mit dem Innenministerium sollten die erforderlichen Maßnahmen gesetzt werden. Aber wie das halt einmal so passiert in Österreich: Warum sollte etwas im Inneren bleiben, wenn irgendeine Plaudertasche die Möglichkeit findet, sich nach außen entleeren zu können?

Und so nahmen die Dinge ihren Lauf. Ein an eigenartigem Humor erkrankter Witzbold hinterlegte im Wiener Briefkasten des Österreichischen Olympischen Komitées die Nachricht, er habe den Entschluss gefasst, die sehr hübschen Sportlerinnen Bernadette Schild und Janine Flock zu entführen. Gegen erhöhte Vorsicht ist nichts einzuwenden, aber erstaunlich war vor allem, wie wahnwitzig die vernetzte, auf Schnelligkeit bedachte Medienszene reagierte. Die Meldung Drohbriefschreiber will Marlies SchildBernadettes Schwester musste bekanntlich zuerst als auserwähltes Opfer herhalten – und Janine Flock entführen eröffnete einen geradezu atemberaubenden Erfindungsreichtum. Unbarmherzig donnerte der Fluch der modernen Kommunikationsgesellschaft auf die Öffentlichkeit hernieder.

Deutsche und Schweizer Internetartisten turnten ohne Netz der Recherche auf den Olymp der Sensationsgeilheit. Russen wollen Österreicherinnen entführen. Was heißt Russen? Viel geiler ist doch: Terroristen wollen Österreicherinnen entführen. Gefeuert wurde aus allen Rohren. Schneller als jede polizeiliche Ermittlung jemals sein konnte. Waren es tatsächlich Tschetschenen? Kommt immer gut. Oder doch ein Verrückter, gar eine Verrückte? Dann wird sich der- oder diejenige freuen über die so billig erzeugte Hysterie. Daheim im Wohnzimmer, vielleicht gleich ums Eck vom Olympischen Komitée.

In Österreich reagierte manch Medienvertreter mit der schon typisch gewordenen Wehleidigkeit: Schon wieder ein Angriff des Bösen auf unsere Sportler. Was bleibt? Volle Bewunderung für die cool gebliebenen potenziellen Entführungsopfer. Höchste Zeit, dass die eigentlichen Spiele beginnen.

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