Meinung
07.07.2017

Gefangen in der Homestory-Hölle

Wir mögen jene, die uns ähnlich sind, die uns recht geben, die unsere Meinung teilen.

Barbara Kaufmann | über Homestorys

Sympathie ist ein kein gerecht verteiltes Gefühl. Viele, die sie sich durch ihre Taten verdient hätten, haben nicht das Talent, anderen zu gefallen.

Sie sind vielleicht linkisch und ungeschickt in der Selbstdarstellung, wirken zu steif und können sich nicht „gut verkaufen“. Bei anderen verhält es sich genau umgekehrt. Sie leisten höchstens ein Minimum – und das für sich und nicht für andere – verausgaben sich menschlich auch nicht gerade, aber sonnen sich trotzdem in maximaler Beliebtheit. Sie haben die Fähigkeit, alles, was sie tun und sich selbst dazu als großes Spektakel zu präsentieren, bei dem man sich glücklich schätzen darf, daran teilzuhaben. Sie sagen im richtigen Moment das Richtige zu den richtigen Leuten, sie „kommen gut an“, sind Sympathieträger. Dabei hat dieses Gefühl, die Sympathie, ja eigentlich mehr mit der eigenen Eitelkeit zu tun als mit dem Wesen des Gegenübers.

Menschen wie ich

Wir mögen jene, die uns ähnlich sind, die uns recht geben, die unsere Meinung teilen. Oder es uns zumindest glaubhaft weismachen können. Ich selbst empfinde zum Beispiel große Sympathie für Menschen, die wie ich an Alltagsphobien leiden. Spinnenangst, Klaustrophobie, die permanente Sorge, den Herd angelassen zu haben usw. Wenn jemand dasselbe Schicksal mit mir teilt, ist er mir auf Anhieb nahe. Der weiß, wie ich mich fühle, denk ich mir dann, der versteht mich. Und wer will schließlich nicht verstanden werden?

Dass wir uns genauso fühlen, verstanden nämlich, und uns mit jemandem identifizieren können, daran arbeiten aktuell Heerscharen an Beratern, mit denen sich in Wahlkampfzeiten Politiker umgeben. Sie packen ihre Kandidaten in Trachtenjanker, Slim-Fit-Anzüge – mit und ohne Krawatte – und präsentieren sie uns so, wie wir sie noch nie gesehen haben und vielleicht auch nie sehen wollten. Egal, ob man dieser Tage Magazine und Tageszeitungen liest, Radio hört oder fernsieht, man entkommt ihr nicht, der Homestory-Hölle.

In ihr sehen Wohnzimmer aus wie aus dem Vorstadtmöbelhaus. Ohne Gebrauchsspuren. In ihr tragen Lebenspartner aufeinander abgestimmte Kleidung und konkurrieren nie miteinander. Nur im Kampflächeln. In ihr werden Inhalte zugekleistert mit einer süßklebrigen Schicht aus Liebesgeständnissen, Familienidylle, Kindheitsanekdoten, Lieblingsfrühstück, Lieblingsgetränk, Lieblingspizza.

Sie sind wie wir

Die oftmals schmerzhaft simpel inszenierte Botschaft dahinter lautet: Diese Kandidaten gehören nicht zur abgehobenen Elite – seit Trump ein diffuser Kampfbegriff – sie sind bodenständig, essen auch mal gerne was Gewagtes zum Frühstück wie Schafkäse oder ein Dreiminutenei, sie sind uns nahe, sie sind wie wir. Ich möchte ja lieber niemanden an der Spitze des Staates, der so ist wie ich. Ich hab nämlich keine Ideen, wie wir das mit den Pensionen noch hinbekommen sollen für meine Generation oder die Verwaltungsreform, die Bildungsoffensive, die Gesundheitsversorgung. Ich hätte da lieber einen Experten sitzen. Der kann ruhig Single sein, hässlich wohnen und Haustiere hassen. Ich bin für die Magie der Homestories nicht empfänglich. Aber wer weiß. Reden wir weiter, wenn der erste Politiker exklusiv über seine Phobien spricht.