Warum so viele Menschen bei Hitze sterben - auch in „Ballkonien“
Es bleibt weiterhin heiß
Die AGES hat kürzlich Gesundheitsdaten zur Hitze in Österreich veröffentlicht. Sie gibt mit 449 Personen eine eher moderate Übersterblichkeit an, die aber wohl nur eine Schätzung und nur die Spitze des „Hitze-Berges“ darstellt. Tomas Janos hat 2024 in einer europaweiten Studie 62.700 Hitzetote in Europa ermittelt. In der EU fanden sie 117 Tote pro Million Einwohner, wobei Österreich mit 116 Toten pro Mio. EW recht genau am EU-Schnitt zu liegen kommt. Nach dieser Analyse müssten pro Jahr 1160 Tote hitzebedingt sein, aber ich fürchte, dass die tatsächlichen Zahlen noch höher liegen.
Unterschieden werden muss zwischen Hitze-assoziierten Todesfällen, dem überwiegenden Teil der Todesfälle (>95 %) und – Gott sei Dank seltener – Personen mit Hitzekrankheit (Hitzschlag), einer inzwischen wohldefinierten, intensivmedizinisch hochkomplexen Krankheitsentität mit hohem Mortalitätsrisiko. Bezüglich der riesigen ersten Gruppe bestehen wohldefinierte Risikofaktoren. Da wäre zunächst das Alter per se mit seiner eingeschränkten physiologischen Kompensationsbreite und v. a. auch vermindertem Durstempfinden; dann vorbestehende Erkrankungen, insbesondere von Herz- , Nieren- und Lungenerkrankungen, eingeschränkte Kognition und Mobilität, also Faktoren, die zur Hemmung eines präventiven Verhaltens (kalt duschen, genügend trinken, Aufsuchen kühlerer Umgebung etc.) führt.
Wilfred Druml.
Dazu gehören ganz wesentlich auch soziale Faktoren, wie die Einsamkeit, alleine leben, niedriger Bildungsstand und „strukturelle“ Faktoren, wie die Wohnumgebung (z. B. durch Sonne aufgeheizte, mit verzinktem Blech verkleidete Dachwohnungen in Paris), Verfügbarkeit von Klimaanlagen, schließlich auch Medikamente, insbesondere Antihypertensiva und Diuretika, die bei Hitze dann überdosiert sind.
Risikofaktoren
Viele dieser Risikofaktoren sind beeinflussbar, damit wären ein beachtlicher Teil dieses hitzebedingten, stillen, meist einsamen Massensterbens vermeidbar. Jedoch wäre dies ein gigantisches gesundheitspolitisches, aber auch soziales und städtebauliches Problem.
Obwohl auch diese erste Gruppe von Patienten zu einer hochgradigen Steigerung von Aufnahmen an Notfalleinrichtungen und Intensivstation geführt hat, ist die Hitzekrankheit selbst ein selteneres, aber hochrelevantes, interessantes intensivmedizinisches Problem. Es umfasst sowohl den klassischen Hitzeschlag (CHS), der alle betreffen, auch im Urlaub auf „Balkonien“ auftreten kann und dem anstrengungsinduzierten Exertional Heat Stroke (EHS) bei hoher körperlicher Belastung in der Hitze.
Bis hin zu Organschäden
Die erste Phase ist die „neurologische Phase“, mit Einschränkung des Sensoriums bis Koma, Kopfschmerzen, generalisierten Krampfanfällen und oft auch hervorstechenden meningealen Zeichen, wie Nackensteifigkeit, Lichtscheu oder Schmerzen, die häufig zum Verdacht auf Hirnhautentzündung und unergiebigen Liquorpunktionen führen kann (Hitzestich).
Ohne Therapie (rasche Kühlung) führt das sehr schnell zu Kreislaufschock, Muskelzerfall, Organschäden an Niere, insbesondere auch der Leber, bis hin zu Multiorganversagen. Das geht ganz rasch. Ein 47-jähriger, sehr sportlicher Mann ist nach acht Kilometer Laufen bei 30 °C Umgebungstemperatur in der prallen Sonne zusammengebrochen, wurde mit 41 °C krampfend in ein Universitätsspital eingeliefert und hat trotz optimaler Betreuung innerhalb von drei Tagen einen totalen Leberzerfall ausgebildet. Die Leber musste transplantiert werden.
Keine Zeit verlieren
Das A und O der Therapie bei Hitzekrankheit ist die rasche aktive Kühlung, optimalerweise in einer Badewanne mit eisgekühltem Wasser. Sobald der Notarzt verständigt wurde, sollte keine Zeit verloren und sofort mit der Kühlung begonnen werden. Eine 23-jährige Bergläuferin ist nach einem Berglauf (eine der größten körperlichen Belastungen) im Ziel komatös und krampfend mit über 41 °C Körpertemperatur zusammengebrochen. Der Bergarzt hat sie rasch in einen Holzbottich mit zerschlagenem Eis und Wasser gelegt, nach 30 Minuten ist sie erwacht und konnte selbst nach Hause gehen. Eine medikamentöse „Fiebersenkung“ ist sinnlos und kann Organschäden sogar verstärken. Kühlung ist alles, handeln Sie so rasch wie möglich, verlieren Sie keine Zeit!
Zum Autor:
Wilfred Druml war zuletzt Leiter der Nephrologie an der Medizinischen Universität/AKH Wien, ist Intensivmediziner und Herausgeber medizinischer Zeitschriften.
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