© Dettling/Thomas Kierok

Meinung Gastkommentar
10/06/2021

Was uns die YOLO-Ökonomie lehrt

Wir müssen in Bewegung bleiben. Sprichwörtlich.

Haben Sie in den letzten 18 Monaten im Büro einen neuen Kollegen oder Kollegin kennengelernt? Dann gehören Sie zum überschaubaren Club der Glücklichen. Die Allermeisten sehnen die Rückkehr in die Büros oder die nächste Geschäftsreise, möglichst weit weg von Zuhause und Büro, herbei. Vor allem die Jüngeren haben keine Lust mehr auf Zoom, Teams und Webex. Videokonferenzen sind out, gefragt sind wieder analoge Treffen und Teammeetings – persönliche Kontakte statt Kontaktbeschränkungen. Nach Corona werden wir zwar weniger, aber kreativer geschäftlich reisen und unterwegs sein. Auch weil die Jüngeren neue Freiheiten leben wollen. Für das Arbeitsgefühl der Generationen Y und Z gibt es seit einigen Jahren den Begriff der „YOLO-Ökonomie“: „You only live once“. Man lebt nur einmal. Es geht den Jüngeren um eine Kombination aus Spaß und Sinn.

Der sichere Arbeitsplatz in einem großen Unternehmen ist für die junge, früher eher risikoscheue Generation nur noch die zweitbeste Option. Nach der Krise werden sie leichter den Job und das Unternehmen wechseln und mehr denn je ins Ausland gehen. Der Trend hat bereits die offiziellen Statistiken erreicht: Der Job wird zum Projekt und wer es ernst meint, macht sich auf den Weg und geht auf Reise. Auch das hat die Pandemie gelehrt: Mit Videocalls allein gewinnt man keine Kunden. Oder würden Sie sich für einen Partner oder Dienstleister entscheiden, der Sie ausschließlich per Mail und Video kontaktiert? Nach Corona werden wir zwei Arbeitsplätze haben: einen virtuellen von unterwegs und einen physischen vor Ort. Wir haben gelernt, auch im Zug, am Gate auf dem Flughafen oder beim Sport an Besprechungen und Konferenzen teilzunehmen. Wir werden aber öfter als früher durch die Welt reisen, um neue Projekte und Menschen zu bewegen. Beim Reisen kommt es auf Beziehungen an und nicht auf Transaktionen.

Der Wert persönlicher Geschäftsbeziehungen lässt sich sogar berechnen. Streichen wir Dienstreisen dauerhaft, beträgt der Verlust der globalen Wirtschaftsleistung bis zu 17 Prozent, schätzt der Harvard-Ökonom Ricardo Hausmann in einer Studie aus dem letzten Jahr. Wer aus Kostengründen Dienstreisen zusammenkürzt, spart zulasten der Zukunft. „Reisen bildet“ wussten schon unsere Vorfahren. Daher werden wir nach Corona nicht komplett auf das Reisen verzichten. Wer unterwegs ist, hat sein Wissen und seine Ideen mit im Gepäck und teilt sie mit anderen. Die Folge ist ein Gewinn an Produktivität, Innovation und Fortschritt für alle, Mitarbeiter, Unternehmen und Verbraucher. Mobilität und Migration, nicht Immobilität und Cocooning führen zu Wohlstand. Vor Corona sind wir zu viel gereist und zu wenig zu Hause geblieben. Nicht „zu viel von zu Hause“ oder „zu viel im Büro“ ist unser Problem, sondern „zu viel Routine“ – und zu wenig Bewegung. Machen wir uns wieder auf! Neue Wege entstehen beim Gehen.

Daniel Dettling leitet das Institut für Zukunftspolitik.

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