© Privat/Ian Ehm

Meinung Gastkommentar
03/29/2021

Plötzlich angreifbar

Mehr Transparenz im Journalismus verändert auch die Arbeitsweise – wir Medienmenschen können davon nur profitieren

Wir erklären gerne, analysieren gerne, schreiben gerne lange Kommentare, man hat der Welt ja so viel zu sagen. Schwierig für manche Journalistinnen und Journalisten, wenn Medienkonsumentinnen und -konsumenten das eigene, liebevoll einbetonierte Selbstverständnis immer mehr hinterfragen: Wie arbeitet ihr? Warum habt ihr diese Entscheidung getroffen? Ja, es gibt wohl auch Medienmenschen, die es schmerzt, nicht mehr elegant von oben herab predigen zu können, wie das früher möglich war.

Heute muss man sich als Medium mehr erklären – und das ist auch gut so. Aus diesem Grund habe ich im vergangenen Jänner den „Werkstatt“-Podcast entworfen, der jeden Montagabend offenlegt, wie unsere Arbeit hinter den Kulissen des „Report“ aussieht. Generalmotiv: Transparenz. Ein journalistisches Experiment der ORF-Magazine, das wir auch im Wechselspiel mit den Zuhörenden entwickeln wollen, die uns mit ihrer Kritik oder ihren Fragen über Social Media und E-Mail erreichen.

Ein weiterer Schritt auf dem Weg zu mehr Offenheit und Dialog, an dem Sendungschef Wolfgang Wagner und Anchor-Woman Susanne Schnabl seit Jahren arbeiten. Mehr Transparenz ist ein wichtiges Ziel, ersetzt aber gerade im öffentlich-rechtlichen Journalismus nicht die Bedeutung des Objektivitätsgebots oder den Schutz von Informantinnen und Informanten.

Doch der „Werkstatt“-Podcast hat uns jetzt schon einiges gelehrt. Zum Beispiel, dass man einen Experten, der vor längerer Zeit eine Geschäftsbeziehung zu einem Unternehmen hatte, das nun in einem „Report“-Beitrag vorkommt, im Zweifelsfall nicht für diese Geschichte interviewt. Eine Passage, die das transparent aufklärt, würde vom Thema zu weit wegführen – also: lieber jemand anderen auftreten lassen. Oder, dass man Ehrenämter und Rollen von Interviewten noch klarer ausschildert, wenn sie im Kontext des Beitrags von Bedeutung sind. Oder auch, dass man intern mehr darüber diskutiert, warum zu wenige Frauen in einem Beitrag vorkommen. Noch besser erklären, noch mehr einordnen, noch mehr den Blick für die eigene Arbeit schärfen: All das bringt die Selbstreflexion mit sich, die uns die Transparenz-Idee abverlangt. Auch der Gedanke „Wie würde ich denn das im Podcast erklären?“ kann hilfreich sein.

Transparenz im Journalismus verändert die Arbeitsweise, ist manchmal mühsam und macht angreifbarer. Transparenz ist aber auch sympathisch, vertrauensstiftend und unterstützt die eigene Glaubwürdigkeit. Erfreulich für unsere „Werkstatt“, dass unser Podcast-Publikum meist kritisch-konstruktiv reagiert; erzürnte Mails oder Nachrichten gibt es kaum. Wohl auch, weil Podcast-Affine meiner Erfahrung nach grundsätzlich positiver an die Formate ihrer Wahl herangehen. „Podcast-Hörende erinnern an Menschen, die langlaufen – entspannt, freundlich, grüßen die anderen auf der Loipe“, hat ORF-Magazine-Chefredakteurin Waltraud Langer kürzlich gesagt. Wir wollen also weiterhin von den Langläuferinnen und Langläufern lernen, um zeitgemäßen Journalismus zu machen. Auch deren Ausdauer werden wir gut brauchen können.

Julia Ortner ist Journalistin beim ORF-„Report“ und ein  Host des „Werkstatt“-Podcast zu dem TV-Magazin.

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