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Meinung Gastkommentar
04/06/2021

Keep calm and keep reporting

Journalismus darf nicht ein weiterer Teil der Empörungsmaschine werden

Bypass the media – Donald Trump hat es vorexerziert. Um maximale Kontrolle über ihre politischen Botschaften zu behalten, haben Populisten ihre eigenen digitalen Medienkanäle gegründet. Die alte Gesinnungs- und Parteipresse, die einst mangels Leserinteresse zusperren musste, erlebt in modernem Erscheinungsbild und mit dem Tarnanstrich des „tabulosen“ Mediums ihre Wiederauferstehung, auch in Österreich.

Ohne Rücksicht auf Fakten oder rechtliche Aspekte wird geschrieben, was klassische Medien nicht berichten – weil diese journalistischen Standards anhängen. Die Echokammern der sozialen Netzwerke, in denen nur die eigene Meinung zählt und Zuhören als Meinungsschwäche gilt, haben den Boden für die Breitbarts von Links und Rechts bereitet.

Die verlängerten Werk- und Schreibbänke der politischen Kommunikationsabteilungen verbreiten ihre Meldungen via Facebook und Twitter und werden dabei von Troll-Teams unterstützt. Beliebtes Angriffsziel neben dem politischen Gegner: klassische Medien und Journalisten.

Ganzen Redaktionen wird undifferenziert eine Pro-Kurz-Agenda und Regierungsnähe unterstellt, von der anderen Seite werden Journalisten als Linke und Kurz-Hasser abgetan.

Das Freund/Feind-Schema wird auf allen politischen Ebenen gepflegt. Das ist das Ergebnis einer „Medienpolitik“, die ihren Aktionsradius seit Jahrzehnten darauf beschränkt, wie die jeweilige Regierung in „Zeit im Bild 1“, Kronen Zeitung und ORF.at vorkommt und wie die Aufmacher und Titelzeilen der anderen Zeitungen und in der APA aussehen.

Auf Twitter, diesem Marktplatz der Eitelkeit und Rechthaberei, werden die verbalen Scharmützel fortgesetzt – gleich Kämpfen in einer Gladiatorenarena, denen das Publikum mit offenem Mund beiwohnt, bis es nicht mehr zwischen Information und Desinformation unterscheiden kann. „Keep calm“ möchte man von der Tribüne rufen. Wenn die anderen sich nicht benehmen, antworten wir mit Anstand und Stil. Journalismus darf nicht Teil der Empörungsmaschine sein.

Die Antwort kann nur eine Besinnung auf journalistische Tugenden sein: Abstand halten, nicht vereinnahmen lassen. Faktenbasierte Recherchen unparteilich einordnen. Wesentliches vom Unwesentlichen trennen. Unbotmäßigen Interventionen nicht nachgeben, aber transparent und gelassen mit eigenen falschen Einschätzungen und Fehlern umgehen. Täglich um die bestmögliche Version der Wahrheit ringen.

Seit der Aufklärung ist es Aufgabe von Journalismus, die Herrscher, Mächtigen und Regierenden kritisch zu begleiten und über Vorgänge, Verhältnisse und Zustände in der Politik zu berichten. Dazu zählen Erfolge und vernünftige Lösungsansätze ebenso wie Fehler im System, Ungerechtigkeiten oder Korruption. Journalismus mit Respekt vor dem politischen Amt, aber kritischer Distanz. Die liberale Demokratie braucht unabhängige Medien – als letzte gesellschaftliche Klammer für eine polarisierte Öffentlichkeit.

Johannes Bruckenberger ist Chefredakteur der APA – Austria Presse Agentur. Sie feiert heuer ihr 75 Jahre Unabhängigkeit.

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