© Luiza Puiu

Meinung Gastkommentar
03/08/2021

Geht es auch einmal leiser?

Pathos hat eine wichtige Funktion, für einige mehr als andere. Die Privilegierten unter uns dürfen ihres ruhig runterschrauben.

Pathos ist das Gegenteil von Gleichgültigkeit. Darin liegt seine Macht. Zur richtigen Zeit vor dem richtigen Publikum in der richtigen Intensität hat es die Chance, die Welt aus den Angeln zu heben, egal wie klein diese ist. Wenn es einmal wirkt, kann es nicht mehr ungesehen, ungehört, ungespürt gemacht werden. Doch um einmal diesen Raum zu bekommen, muss es sich durchsetzen, braucht den Moment im Rampenlicht. Und das geht nur, wenn die einen mitmachen – und die anderen ihm Platz einräumen.

Niemandem soll abgesprochen werden, sich in seinem Pathos zu suhlen, um sich ein bisschen kathartische Erleichterung zu verschaffen. Doch ist es erlaubt, gelegentlich seine Wunden still zu lecken, ganz privat, ohne nach Klicks und Likes zu schielen.

Deswegen der pathetische Appell an all jene, die ihre Krise als Privileg im Dauerzustand leben: Nicht jede Befindlichkeit muss geteilt werden. Nicht jede Kränkung braucht eine Plattform. Nicht jedes Gefühl eine Bühne. Nicht jeder Gedanke ein Publikum. Es darf hin und wieder auch still gedacht, gefühlt und gelitten werden. In den eigenen vier Wänden, vor Familie und Freunden, Bekannten und Therapeutinnen.

Es braucht nicht immer die Reichweite. Man muss nicht gleich in die Tasten hauen, wenn man sich als Politiker auf die Schulter klopft, weil man zu Corona-Zeiten seinem armen Nachbarn hilft, dessen gesammelte Sonderangebote so rührend sind, dass man sie abfotografieren muss und im Netz mit allen teilt. Man kann auch als Journalist einmal in Ruhe seinen Job machen, ohne virtuell vor Anstrengung zu schnauben und nach Anerkennung zu lechzen, weil man 12 Interviews abgetippt hat. Und ebenso lässt sich Empathie für die Opfer des Holocausts empfinden, ohne die emotionale Eselsbrücke zum Unfalltod des eigenen Großvaters zu beschreiten. Nur ab und zu sich eine Pause vom eigenen Pathos gönnen, sich ausklinken aus dem Pathoskonzert und die Öffentlichkeit vor dem persönlichen Drama verschonen, das offenbar nur ausgehalten werden kann, wenn es eine Bühne bekommt.

Das Pathos darf aus der Dichotomie eines gemachten Zentrums und eines imaginierten Randes herausgerissen werden. Sein Einsatz muss diese konstruierten Welten nicht permanent rekonstruieren. Es darf sie auch einmal ganz neu definieren. Statt das nächste Mal im virtuellen Trommelwirbel von der eigenen Rührung angesichts des Leides Dritter dermaßen berauscht zu sein, darf sich die Solidarität einmal ganz anders äußern: still. Still anderen den Vortritt überlassen und bei gegebenem Anlass sich unterstützend an ihre Seite stellen. An die Seite wohlgemerkt, nicht ins Zentrum.

Solmaz Khorsand ist Journalistin. Ihr essayistisches Buch „Pathos“ ist bei „K&S übermorgen“ erschienen.

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