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Meinung Gastkommentar
07/06/2021

Die „West Side Story“ in Mörbisch findet ohne Orchester statt. Oder?

Wie man aus einer musikalischen Instanz einen Klotz am Bein schuf

Dieses Jahr, nach coronabedingter Verschiebung 2020, kommt Bernsteins „West Side Story“ nach Mörbisch. Jedoch ohne Orchester? Maestro Bernstein komponierte das Werk für großes Orchester, wobei er die Idee, den beiden rivalisierenden Gangs, den „Jets“ und den „Sharks“, typische Charakteristika musikalisch zuzuordnen, genial umsetzte.

Den Musikern des Orchesters wird dabei alles abverlangt und „West Side Story“ gehört zu den anspruchsvollsten Stücken, nicht nur in der Musicalliteratur, sondern in der Orchesterliteratur allgemein.

Aufgrund des großen Erfolges arrangierte Bernstein 1960 Symphonic Dances from West Side Story, ein Standardwerk in den Archiven der besten Orchester und Dirigenten der Welt. Es stand heuer auf dem Programm beim Sommernachtskonzert der Wiener Philharmoniker im Schlosspark Schönbrunn. Spätestens da zeigt sich, dass Bernsteins Komposition zwar ohne Tänzer, ohne Sänger, ohne Bühnenbild, Freiheitsstatue und Kostüme auskommt, jedoch nicht ohne Orchester.

In Mörbisch ist es umgekehrt, da findet man unter „Wissenswertes über das Stück“ auf der Webpage der Seefestspiele jedes noch so kleine Detail, aber ein Orchester sucht man vergeblich. Kommt das Stück womöglich vom Band, will man sich das Orchester, das in Mörbisch örtlich ohnehin unsichtbar ist, ersparen? Wird da klammheimlich der Sparstift angesetzt?

Was bezweckt man, mit der Leugnung eines Orchesters? Ist es Ignoranz, Ahnungslosigkeit oder hat man es bloß vergessen?

Nun wird es Zeit, die Dinge aufzuklären und man staune, es gibt tatsächlich ein Orchester: Fünfundvierzig top ausgebildete Profis, haben teils durch eigens veranstaltete Orchesterprobespiele ein Engagement in Mörbisch ergattert. Sie mussten sich ein Jahr gedulden, gehörten Musiker doch zu der am schwersten betroffenen Berufsgruppe in der Corona Krise. Aber nun ist es soweit. Der Beruf darf wieder ausgeübt werden und man ist mit Feuereifer dabei, beschwert sich nicht. Nur das Gefühl, ein künstlerisch relevanter Teil einer Produktion zu sein, stellt sich nicht ein.

Man vermittelt, das Orchester bzw. jeder einzelne Musiker und Musikerin sei ein notwendiges Übel, ein Klotz am Bein, oder ein Vehikel um den Darstellern auf der Bühne zum Applaus zu verhelfen. Fällt den Verantwortlichen wirklich ein Stein aus der Krone, dem Orchester und seinen Musikern auch öffentlich mit Wertschätzung zu begegnen, zumal man stolz sein könnte, z. B. wie in Salzburg oder Bregenz?

Liebe Musiker und Musikerinnen, möglicherweise seid ihr im Programmheft zwischen den Sponsoren im Kleingedruckten ja doch erwähnt, und wenn manch werter Besucher, nach der Vorstellung mit Bernsteins Melodien und dem Orchesterklang beseelt, das Festspielgelände verlässt, erfahrt ihr zumindest einen Teil der Wertschätzung, die euch von organisatorischer Seite vorenthalten wird.

Horst Hausleitner ist Musiker und Autor.

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