Meinung | Fußball-WM
12.07.2018

Weltmacht Frankreich: Die Wurzeln des Erfolgs

Kein Land hat mehr WM-Spieler ausgebildet als die Grande Nation. Allein 18 stammen aus dem Großraum Paris.

Es gibt viele Möglichkeiten, den französischen Erfolg bei dieser WM-Endrunde darzustellen. Einige heben die offensive Extraklasse der Grande Nation hervor, andere wiederum loben die stabile und zuletzt auch treffsichere Innenverteidigung. Nicht zu vergessen die allumfassende Bewunderung für Teamchef Didier Deschamps.

Noch viel besser lässt sich die Dominanz Frankreichs bei dieser Endrunde aber veranschaulichen, wenn man sieht, welche französischen Teamspieler Trainer Deschamps erst gar nicht mitgenommen hat nach Russland (siehe Zusatzkasten rechts unten). Aus Karim Benzema, Dimitri Payet und Kollegen ließe sich ein vorzüglicher WM-Viertelfinalist zusammenstellen.

Dem nicht genug: Keine Nation hat mehr WM-Spieler ausgebildet als Frankreich. Bei dieser WM-Endrunde kamen 50 Spieler zum Einsatz, die in Frankreich geboren wurden. Mehr als die Hälfte davon trug nicht das Trikot der Équipe tricolore. Mit Respektabstand auf Platz zwei folgt Brasilien (28 WM-Spieler).

Krise und Neuaufbau

Diese Übermacht hat historische Gründe und ist dennoch nicht ausschließlich mit dem französischen Status als einstige Kolonialmacht zu erklären (Selbiges müsste dann auch auf England, Spanien oder Portugal zutreffen).

Die Wurzeln des französischen Fußball-Aufschwungs liegen in der Nachkriegszeit. Um das zerstörte Land wiederaufzubauen, strömten Menschen aus aller Welt nach Frankreich. 2,7 Millionen Einwanderer zählte man im Jahr 1965. Zur gleichen Zeit durchlebte der französische Fußball eine seiner bislang schwersten Krisen. Zwischen 1960 und 1974 verpasste die Grande Nation bei acht Gelegenheiten sechs Mal eine Endrunde.

Was folgte war ein beispielloser Neuaufbau, von dem der französischen Verband und die nationalen Ligen bis heute profitieren. In insgesamt 13 nationalen Akademien – zwei davon befinden sich auf den Insel Réunion und Guadeloupe – werden die größten Talente des Landes versammelt und ausgebildet. Als Herzstück gilt das Verbandszentrum in Clairefontaine.

Das nahe Paris gelegene Leistungszentrum besuchte auch Kylian Mbappé. Der 19-jährige Flügelspieler ist einer von acht Teamspielern Frankreichs (und einer von insgesamt 16 WM-Teilnehmern), der in oder im Großraum der französischen Hauptstadt aufgewachsen ist.

Einwandererkind Mbappé ist das schillerndste Produkt dieser Talenteschmiede. Der Profi von Paris Saint-Germain, der als erster Teenager seit Pelé 1958 zwei Tore in einem WM-Spiel erzielt hat, könnte schon bald Nachfolger seines Kindheitsidols Cristiano Ronaldo bei Real Madrid werden. „Sein Tempo ist eine Waffe und Frankreich versteht es, sie einzusetzen“, sagte Belgiens Teamchef Roberto Martínez.

Die erfolgreiche Multi-Kulti-Truppe lässt Erinnerungen wach werden an jene goldene Fußballer-Generation, die Frankreich 1998 bei der Heim-WM den ersten WM-Titel bescherte. „Black – Blanc – Beur“ (schwarz – weiß – arabisch) wurde damals zum Fangesang und zum Symbol für das neue Miteinander im weltoffenen Frankreich.

Doch auch damals wusste man zu kaschieren. Wenige Monate vor dem WM-Triumph 1998 hatte Jean-Marie Le Pen bei den Regionalwahlen 15 Prozent der Wähler hinter seiner ultrarechten Bewegung versammeln können. Jener Le Pen, der das französische Team als „künstlich“ und „zu schwarz“ bezeichnet hatte.

Kylian Mbappé bekam von all dem nichts mit – er war zu der Zeit noch nicht geboren. Für viele Franzosen gilt er bereits als Vorbild. Die WM-Prämien will er deshalb spenden. Im Falle des Titelgewinns sind das 432.000 Euro pro Spieler.