Meinung | Fußball-WM
09.07.2018

Was einem die Sprache verschlägt

Mario Fernandes, der seit 2012 in Moskau lebt, seit 2016 russischer Staatsbürger ist, spricht nach wie vor kein russisch.

Mit Mario Fernandes verabschiedete sich der letzte Brasilianer von der WM. Nur spielt Fernandes für Russland. Per Kopf (Tor zum 2:2) erzwang er ein Elferschießen. Mit dem Fuß versagte er dabei. Damit war nach dem Out der menschenreichsten WM-Nation (Brasilien/208  Millionen Einwohner) auch für die drittgrößte (145 Millionen leben in Russland) die WM zu Ende. Weltuntergangsstimmung herrscht deshalb keine.

Konträr zur WM-Tradition sollen die Teamchefs der Ausgeschiedenen sogar im Amt bleiben. Brasiliens Coach Tite ebenso wie der ehemalige Innsbruck-Tormann Stanislaw Tschertschessow im Lager der gescheiterten Gastgeber.

Von den russischen Spielern wird niemand im Gulag landen, sondern eher im Kreml. Wenn Eishockeyfan Wladimir Putin die Fußballer zur Audienz bittet. Zumal die selbst noch  als Viertelfinal-Verlierer beim kritischen Volk Sympathien gewonnen haben.

Auch in Brasilien, wo die Erwartungshaltung zurecht ungleich höher war, sitzt der Schock nicht so tief wie vermutet. Anders als in europäischen Social-Media-Kanälen bleibt  Neymar trotz penetranter Schauspieleinlagen von einem Shitstorm seitens seiner Landsleute weitgehend verschont.

Brasilianische Tränen trocknen schnell. Weiß Markus Schruf, der in São Paulo für Red Bull ein Fußball-Nachwuchszentrum  aufgebaut hat und mittlerweile ein eigenes mit landesweit 30 Schulen betreibt, in denen 1500 Buben von einer Karriere träumen. 80 sind tatsächlich schon bei teils namhaften Klubs in Brasilien gelandet.

Aber er sei keineswegs der einzige Schulbetreiber, schränkt der ehemalige Austria-Nachwuchstrainerkollege  des  neuen  violetten Sportdirektors Ralf Muhr ein. Fast 5000 private Fußballschulen existieren inzwischen in Brasilien. „Weil die Topklubs sich um Talente erst ab deren 15. Lebensjahr kümmern.“ 

Die Begeisterung für den Ball ist größer als die Chance aufs große Geld. Über 90 Prozent der Vertragsspieler müssten laut  Schruf  in Brasilien mit maximal 600 Euro im Monat auskommen. Nicht zuletzt deshalb rennen bereits 10.000 Brasilianer (1500 davon in europäischen Ligen) fern ihrer Heimat für Geld dem Ball nach. Einer davon ist Mario Fernandes, der seit 2012 in Moskau lebt, seit  2016 russischer Staatsbürger ist, aber nach wie vor nicht russisch redet.

Menschen, die sich mit der Sprache ihrer neuen Heimat schwer tun oder sie gar  verweigern, soll es freilich auch in Mitteleuropa geben. Was keine Anspielung auf arme Syrer oder Afghanen, sondern vielmehr auf eine reiche, herausragende Operndiva ist, die seit zwölf Jahren über einen österreichischen Pass verfügt.

Die Dame mit der begnadeten Stimme stammt nämlich aus jenem Land, wo entgegen aller Erwartungen auch nach vier Fünftel der WM zumindest nach außen hin keine Misstöne zu hören sind.