Meinung | Fußball-WM
18.06.2018

Russische Kostproben

Russland, Gewohnheiten, Klischees, die man mit dem Land untrennbar verbindet. Die man aber nicht immer einfach so schlucken sollte.

Der wohlsortierte Inhalt des Kühlschranks verspricht das Ende der Dürreperiode. Bier in Flaschen- oder Dosenform, aus Russland, Tschechien, Belgien, wenn es sein muss, auch aus den Niederlanden. Mitternacht ist längst Vergangenheit, lang war der Tag, noch länger die Fahrt mit der Bahn in den Moskauer Außenbezirk.

Was die Stadt in ihrer endlosen Ausbreitung, an ihren von verzweifelter Bautätigkeit oder unaufhaltsamer Zerfallsucht geprägten Rändern so liebenswert lebensrettend macht, ist die Existenz von kleinen Geschäften, die keinen Schlusspfiff akzeptieren. Die Oasen in von Restaurants, Wirtshäusern, Bars und anderer Gastronomie völlig befreiter, vor sich hinschlummernder Tristesse.

Ja, das flutscht ins zu später Stunde zusammengebastelte, an Naivität kaum zu überbietende Klischee. Russen sind gut im Pelzmützentragen, im Eishockey sowieso, im Holzpuppenineinanderstecken, und vor allem im hemmungslosen Konsumieren von Alkohol. Auf die Russen ist Verlass.

Ein Schluck

Also noch ein Gute-Nacht-Bier, dann ab ins Hotel. Und eben in diesem Moment, als die Hand schon nach der ausgewählten Flasche greift, kommt dieses hart und kurz ausgesprochene, keinen Widerspruch duldende Wort: „Njet“.

Wie bitte? Was ist bloß mit diesen Russen los? Ein ungläubiger Blick in ein doch freundliches Gesicht entspannt immerhin. Jener Mann, der sich in seinem Geschäft die Nachtstunden um die Ohren schlägt, tippt mit dem Finger auf seine Schulter und hat damit alles erklärt. Nein, Alkohol gibt es um diese Zeit nicht mehr. Unverkäuflich. Sonst kommt die Polizei, dann ist sie weg, die Lizenz für den ganzen Laden. Kein Alkohol darf in Geschäften zwischen 23 Uhr abends und acht Uhr morgens verkauft werden.

Und zwar ohne Ausnahme.

So ist das also jetzt im modernen Russland. Ein Gesetz, vom früheren Staatspräsidenten Dmitri Medwedew erlassen, das seit 2013 angeblich seine Wirkung tut. Nämlich der Alkoholsucht entgegenzutreten, die sich verstärkt hatte, weil Bier bis zu diesem Zeitpunkt als Nahrungsmittel durchgegangen war und dem Schnaps den Rang abgelaufen hatte.

Die Rechnung

Großartiges habe der Staat vollbracht, Spirituosen und Bier teurer gemacht und gleichzeitig sechs Milliarden Euro an Steuern eingenommen, meint die landeseigene Statistik.

Hochprozentig soll zudem der Rückgang des jährlichen Pro-Kopf-Verbrauchs sein, gesunken von 16 auf nur noch zwölf Liter, gemessen in purem Alkohol.

Ob das denn zu glauben ist?

Am nächsten Abend im feinen Restaurant im zentralen Moskau. Dort, wo die Menschen glauben, im wahren Leben zu stehen, und viel Geld dafür liegen lassen. Der Kellner bringt eine Flasche Wodka. Also doch. Damit beginnt wohl ein altbekanntes Ritual.

Eine Kostprobe, sagt er. Und fordert entgegen jede Erwartungshaltung das Öffnen der Handflächen, verschüttet ein paar Tropfen und meint: „Jetzt riechen Sie doch einmal, wie gut der ist.“

Was ist nur los mit diesem Russland?