Meinung | Fußball-WM
07.07.2018

Anstoß: Als gäbe es kein morgen mehr

Die große Nationen scheitern. Doch die größten Stars bekommen nach der WM noch mehr Geld.

Katzenjammer beim großen Nachbarn. Nach dem erstmaligen Vorrunden-Out ist Fußball-Deutschland nur noch durch einen Video-Referee bei der WM vertreten. Selbst Schiedsrichter Felix Brych wurde schon heimgeschickt, weil er sich aus Sicht der FIFA-Obersten beim Gruppenkrimi SerbienSchweiz als Pfeife erwiesen hatte.

Titelverteidiger Deutschland out, Vizeweltmeister Argentinien out, Europameister Portugal out, Ex-Welt- und Europameister Spanien out, Italien gar nicht erst für Russland qualifiziert – naheliegend, dass sich das mediale Interesse in diesen so erfolgsverwöhnten Ländern von der WM weg schon mehr hin zum Transfermarkt verlagert. Zumal auf dem Cristiano Ronaldo eine Hauptrolle spielt.

Der Ausnahmekönner vom Atlantik-Paradies Madeira war offensichtlich schon vor dem portugiesischen WM-Ausscheiden bei Real in Madrid reif für die Insel. Dort pfiffen ihn anspruchsvolle Real-Anhänger immer öfters aus. In Turin indes fährt Juventus und damit der Fiat-Autokonzern auf den bereits 33-jährigen (aber topfitten) Ronaldo ab.

Die Schätzungen, wie viel Juve an Real überweisen wird, schwanken zwischen 100 bis 230 Millionen Euro. Der Eigenmarke CR7 soll eine vierjährige Ehe mit der alten Dame (wie Juve genannt wird) vier Mal 30 Millionen bringen. Wie auch immer: Anders als beim ersten 100-Millionen-Transfer 2013 ( Gareth Bale von Tottenham zu Real) pudelt sich heutzutage kaum jemand mehr über obszöne Geldflüsse auf.

Pervers

Die Fußball-Branche nimmt kapitulierend zur Kenntnis,

 ... dass sogar für Spieler, die außerhalb der jeweiligen Landesgrenzen wenig bekannt sind, bis zu 60 Millionen Euro bezahlt werden;

… dass diverse Vermittler utopische Geldsummen (oft an der Steuer vorbei) ins eigenen Börsel abzweigen, die damit dem Fußball (z.B. für Nachwuchszentren) verloren gehen;

… und dass außerhalb von England (2,3 Milliarden vom TV), Deutschland (1,16 Milliarden), Spanien, Italien und Frankreich der nationale Kick nur noch aus Ausbildungsligen für die Großen besteht.

Wenig verwunderlich

Deshalb ist es legitim, wenn Red Bull Salzburg für Jung-Nationalspieler Stefan Lainer gegenüber italienischen Kaufinteressenten eine zweistellige Million ensumme verlangt.

Und deshalb darf es nicht verwundern, wenn junge Österreicher in die zweite deutsche Liga wechseln, zumal in dieser drei Mal so viel verdient werden kann wie in Österreichs erster Spielklasse.

Der Fußball wird an seiner Geldgier ersticken und seine Zugkraft verspielen.

Das freilich wurde schon vor genau 20 Jahren an dieser Stelle prophezeit. Als der damalige Deutschland-Legionär Andreas Herzog Österreichs bis heute letztes WM-Tor (Elfer zum 1:2 gegen Italien) erzielte; als in Spanien, Italien und Frankreich Gagen in Peseten, Lire bzw. Francs gezahlt wurden, die mittlerweile in Euro üblich sind. Und als noch keine Rede war von einem Video-Beweis. Der sollte nun auch am Verhandlungstisch eingeführt werden. Finanzbeamte würden sich die Hände reiben.