Coronavirus - Dresden

© dpa-Zentralbild/Robert Michael / Robert Michael

Leitartikel
12/11/2021

Frage, was du für dein Land tun kannst

Die Pandemie treibt den Menschen nach dem Pflichtgefühl nun möglicherweise auch noch das Leistungsbewusstsein aus.

von Martina Salomon

„Pflicht“: Was für ein altmodisches Wort in der Spaß- und Selbstverwirklichungsgesellschaft. Der Populär-Philosoph Richard David Precht hat ein ganzes Buch darüber geschrieben, also muss das Thema in der Luft liegen.

In Zusammenhang mit dem Impfen bringt die Pflicht derzeit eine laute Minderheit auf die Straße. Die überhitzte Debatte wirft aber eine grundlegende Frage auf: Wie viel Selbstverantwortung ist den Bürgern zumutbar – und endet die Freiheit des Einzelnen nicht dort, wo sie jene der anderen einschränkt?

Beim Impfen ist das der Fall: Natürlich bietet die Immunisierung keinen 100-prozentigen Schutz (das hat auch nie jemand behauptet). Offensichtlich ist sie gegen die neueste Virenmutation Omikron auch nicht so effizient wie erwartet – und natürlich hoffen wir alle, dass Omikron zwar ansteckender, dafür harmloser ist. Aber alle ernst zu nehmenden Studien kommen zum Schluss, dass mehrfach Geimpfte offensichtlich ein deutlich geringeres Risiko haben, wochenlang auf einer Intensivstation betreut werden zu müssen, ja zu sterben. Je höher also die Impfrate, desto mehr ersparen wir uns teure Lockdowns und eigentlich empörende Einschränkungen der Bürgerrechte.

Die dramatische und egozentrierte Anti-Impf-Freiheitspose ist leicht in Ländern, in denen man im Falle des Falles von der Gemeinschaft gerettet wird. Durch die Pandemie hat der „Nannystaat“ ja ohnehin noch viel mehr Fürsorge für seine Staatsbürger übernommen. Böse Zungen meinen sogar: zu viel. Möglicherweise wird den Menschen nach dem Pflichtgefühl nun auch noch das Leistungsbewusstsein ausgetrieben. Das führt zu Arbeitnehmern, die nie mehr Vollzeit arbeiten wollen und Arbeitgebern, die lieber die Hand für den Umsatzersatz aufhalten, als aufzusperren.

Das Anspruchsdenken kennt mittlerweile keine (Scham-)Grenzen mehr. Diese problematische österreichische Entwicklung kritisiert auch Star-Dirigent Welser-Möst, der jahrzehntelang im Ausland lebte. In einem Presse-Interview meinte er kürzlich, dass die Beziehung zwischen Staat und Bürger immer mehr zu einer „Einbahnstraße“ geworden sei: „Wir stellen Ansprüche, alles muss funktionieren, und wir fragen uns dauernd: ,Also, wie komme ich dazu?’“ Selbst bei jungen Künstlern erlebe er die Haltung: „Alles steht mir zu“. Und vieles werde ganz schnell als „Zumutung“ erlebt. Ein Befund, der nicht ganz falsch sein dürfte.

Es schadet also nicht, sich an den berühmten Satz von John F. Kennedy zu erinnern, der in letzter Zeit auffallend selten zitiert wird: „Frage nicht, was dein Land für dich tun kann – frage, was du für dein Land tun kannst.“ Zumindest diesbezüglich könnten die Europäer und speziell die Österreicher ruhig ein wenig „amerikanischer“ werden.

Martina Salomon
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