Die EU ist ein "Bastlerhit" - und muss in die Werkstatt

Der Störenfried Orbán hat sich gerade von der Bühne verabschiedet. Doch Europa kommt auch ohne ihn um große Reparaturen nicht herum.
Konrad Kramar
FILE PHOTO: Ukraine's Zelenskiy, and EU's von der Leyen and Costa attend press conference on fourth anniversary of Russia's full-scale invasion, in Kyiv

Es ist das Schmuckwort, das findige Verkäufer für ein Kraftfahrzeug verwenden, das nicht nur in die Jahre gekommen ist, sondern an dem sich auch ein selbst ernannter Experte nach dem anderen zu schaffen gemacht hat. So ein „Bastlerhit“ macht sich zwar noch gut bei der Probefahrt, aber schon hinter der Ecke droht die nächste Panne.

Wer sich die EU in diesen hektischen Tagen aus der Nähe anschaut, kann gut erkennen, wo diese Experten herumgeschraubt haben und welche Dellen aus den jüngsten Krisen nur sehr oberflächlich lackiert worden sind. Da gab es eine Flüchtlingskrise, mit Millionen von Menschen, an deren Integration wir uns heute noch abmühen; eine Pandemie, deren wirtschaftliche Folgen mit Hunderten Milliarden nur abgemildert wurden; eine Energiekrise durch den Ukrainekrieg, die eine Inflation über große Teile Europas schwappen ließ, die weiter auf Budgets und Arbeitslosenzahlen lastet.

Hinter der erwähnten Ecke droht tatsächlich die nächste Energiekrise, auf die der Bastlerhit EU mit vielen lockeren Schrauben zurollt. Wenn Europas Entscheidungsträger sich in diesen Tagen auf Zypern treffen, sind sie zwar mit Viktor Orbán einen ewigen Neinsager losgeworden, doch das macht nur noch deutlicher, dass die übrigen Experten, die an diesem Vehikel herumschrauben wollen, sich auch nicht einig sind, bei welcher Delle man anfangen soll.

Porträt eines Mannes mit Bart vor dem Hintergrund des „Kurier“-Logos.

Konrad Kramar ist Brüssel-Korrespondent des KURIER.

Europa hat sich immer selbst als „Kompromissmaschine“ gerühmt, nur dass in diesen Zeiten multipler Krisen diese Kompromissmaschine ihren Kurs nicht mehr findet. Auf der weltpolitischen Straße aber sind andere Fahrer derzeit schnell und rücksichtslos unterwegs, die denken nicht daran, wegen der Europäer und ihrer Kompromisse vom Gas zu gehen. Russland führt einen militärischen, China mit seiner Warenflut einen wirtschaftlichen Angriffskrieg, und die USA unter Trump schlagen wahllos dort zu, wo sie sich schnelle Vorteile erhoffen.

Man kann jetzt nach jedem neuen Schaden, den wir uns in diesem Verkehrschaos zuziehen, hektisch ein bisschen herumschrauben oder innehalten und schauen, wo denn der Schaden an unserem Bastlerhit sitzt und den einmal angehen. Billig ist so ein großer Service erfahrungsgemäß nicht. Wir werden viel Geld investieren müssen, bis wir uns endlich mit billigerer und vor allem eigener Energie versorgen können. 

Eine EU-Erweiterung, irgendwann auch mit der Ukraine, wird teuer, aber ist der beste Weg in den wirtschaftlichen Aufschwung. Eine europäische Verteidigung braucht eine gemeinsame europäische Verteidigungsindustrie und zuletzt eine europäische Armee. Eine Liste an großen Reparaturen also, die sich lange fortsetzen ließe, aber das ist eben so, wenn man mit dem Bastlerhit endlich in die Fachwerkstatt geht.

Kommentare