© Novy Gilbert,Christandl Jürg

Leitartikel
02/10/2021

Eine große Lugner-förmige Lücke

Zum zweiten Mal nach ’91 (Golfkrieg) wurde der Opernball abgesagt. Und man beginnt tatsächlich, den Baumeister zu vermissen. Es ist ernst.

von Gert Korentschnig

Dieser Satz, den Sie hier gleich lesen werden, ist ausschließlich äußeren Umständen geschuldet, der Autor dieser Zeilen wird ihn nie wieder formulieren, und auch an dieser Stelle sei er nur ganz verschämt und kleinlaut mit zartem Anschlag in die Tastatur getippt:

Schade, dass der Opernball nicht stattfindet.

Sorry, aber musste raus, das Gegenteil dessen, was hier schon mehrfach stand.

Über Jahre hinweg hat Ihr Opern-Rezensent und Opernball-Kritiker geschrieben, dass die Staatsoper zum Musizieren und Singen da sei und nicht zum Tanzen (also für Profis schon). Und damit freilich auch Klischees bedient.

Ja, der Opernball hat polarisiert. Für die einen war er, als noch wahre Monarchen angereist kamen, der Inbegriff eines Sehnsuchtsortes. Für andere eine Zeit lang der Anlass für Proteste gegen den Kapitalismus und alles, was nach Establishment roch. Beides letztlich Folklore.

Irgendwann verständigte man sich auf den Humor als verbindendes Element, für Millionen Fernsehzuschauer perfekt bedient durch die Kommentare von Karl Hohenlohe und Christoph Wagner-Trenkwitz, die den Ball zum Fest der feinen Ironie machten. Sehr österreichisch das Ganze, amüsiert zuschauen, aber nicht allzu ernst nehmen, über andere, aber auch über sich selbst lachen können, mehr wienerisch als tirolerisch, Sie wissen schon.

Und plötzlich kein Ball, kein Lugner, kein Lugner-Gast – das ist echte Krise im Wohnzimmer. Der ORF rettet sich mit einer Spezialsendung über den Ausfall hinweg, bestimmt wird auch die lustig. Aber die Nicht-Stattfindung nimmt uns die Möglichkeit, live über Roben zu spötteln, über Gewichtszunahmen von Protagonisten, wir sehen kein tiefgründiges Interview von Alfons Haider mit einem säuerlichen Werner Kogler, keinen Bundespräsidenten mit böser Miene zum guten Spiel, keine türkise Regierungsriege, die Hof hält, keinen Tobias Moretti, der vielleicht lieber über seine Sportnadeln als über Tirol spricht.

Da erkennt man – völlig unzynisch gemeint –, was das Virus jenseits der gesundheitlichen und ökonomischen Schäden anrichtet: Es nimmt uns den Luxus der kleinen Freuden, die als kollektives Bindeglied so wichtig sind. Es erlaubt nicht einmal mehr eine Nacht lang Ablenkung vom Dauerfeuer mit Infektionszahlen. Wer die Unterhaltungsindustrie bestimmt, hat die Gesellschaft fest im Griff (nicht zum ersten Mal in der Geschichte).

Der Opernball ist der Albtraum für Infektiologen: Tausende auf engstem Raum, die meisten sogar angereist, geschüttelte Drinks und Hände, wild tanzende Paare, bei der Quadrille durcheinander gewürfelt, Frack statt Jogginghose, offene Buffets, Livemusik, Sperrstund’ erst um 4. Aber er war noch nie so wichtig wie heuer – weil es ihn nicht gibt.

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