© APA - Austria Presse Agentur

Leitartikel
02/01/2021

Eine Entscheidung mit Maß und Mitte, selbst wenn neuer Lockdown droht

Geschäfte und Schulen sperren auf. Vielleicht kommt dann wieder ein Lockdown. Dennoch besser als Dauerfrust

von Richard Grasl

Ab und zu reicht es, sich einfach das Gegenteil vorzustellen: Wie hätten wir uns gefühlt, wenn Kanzler und Regierung gestern drei weitere Lockdown-Wochen verkündet hätten? Die Depression im Land wäre exponentiell gestiegen wie die Infektionskurven im Herbst. Denn fehlende Impfstoffe, partout nicht sinkende Zahlen und über die Ohren wuchernde Haare frustrieren ohnehin täglich. Da hätte es selbst bei bekennenden Obernörglern nicht mehr für einen Stimmungsumschwung gereicht, wenn man auch die Skigebiete geschlossen hätte. Um die Balance zwischen funktionierendem Gesundheitssystem und Massenpsychose zu wahren, hatten die Verantwortlichen also eigentlich keine andere Wahl, als zwischendurch mal positive Signale zu setzen.

Dennoch ist die Entscheidung heikel. Denn der von der Regierung selbst gesteckte Zielwert von maximal 800 Neuinfektionen täglich ist bei weitem nicht erreicht. Die englische Mutation ist noch zu wenig erforscht, um ihr Gefahrenpotenzial abschließend beurteilen zu können. Dass also die nun wieder erlaubten Kontakte in Schulen, im Handel und im Privatbereich sehr rasch in einen neuen Lockdown führen könnten, ist durchaus wahrscheinlich. Dagegen hilft nur Dauertesten und FFP2-Maskentragen, an funktionierendes Contact-Tracing glaubt hierzulande eh fast niemand mehr. Jeder von uns kennt einen Infizierten, der gar nicht oder erst Wochen nach seiner Genesung von den Behörden zur Abfrage von Kontaktpersonen angerufen wurde. Wenn dir deine Freunde wichtig sind, informiere sie am besten selbst.

Von Virologen und Mathematikern hört man derzeit vor allem zwei Kritikpunkte an den bisherigen Manövern: Erstens und fast einstimmig, dass der zweite Lockdown im November um drei Wochen zu spät gekommen ist. Das hat uns wieder einige Wochen mehr Lockdown eingebrockt. Und zweitens: Der ganz harte Lockdown hat uns im Vergleich mit dem Soft-Lockdown vor Weihnachten nur noch wenig Zusatznutzen für das Infektionsgeschehen gebracht. Und die offenen Geschäfte und Schulen im Dezember haben tatsächlich zu keinen neuen Corona-Wellen geführt. Die Zahl der Intensivpatienten sank von mehr als 700 auf 286.

Vielleicht klappt es ja mit dem sanften Lockdown, die Balance zu finden und das Gesundheitssystem nicht zu überlasten. Vielleicht wird die Politik aber auch dazu stehen müssen, dass ein vierter oder fünfter Lockdown kommen kann. Na und, dann sperren wir halt wieder zu. Es ist immer noch besser als Dauerfrust samt Pleitewellen. Es wird immer eine Frage von Maß und Mitte sein, die es zu finden gilt, auch wenn sich das Maß und die Mitte jeden Tag durch Neuigkeiten verschieben können. Nur in einem Fall darf es keinen Mittelweg geben: Die Pflegeheime sind zu schützen – maßlos bis zum letzten Stich. Das ist bisher nämlich nicht gelungen.

Feedback an den Autor: richard.grasl@kurier.at

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