über den Stress im Land.
12/18/2016

Ein Land im Stress

Etwas gerät aus dem Lot: Die Menschen fühlen sich von Zuwanderung und Verdichtung überfordert.

von Martina Salomon

Österreich braucht Zuwanderung, aber qualifizierte.

Dr. Martina Salomon | über den Stress im Land.

Vor Weihnachten ist es noch fühlbarer als sonst: Die Städte sind im Dichtestress. Überall zu viele Menschen – viele genervt, manche auch durchaus lustvoll im Punschstände- und Christkindlmarkt-Pulk eingezwängt. Es braucht neuerdings Ordner auf U-Bahnsteigen, damit kein Chaos im Abendtrubel ausbricht. Im Waggon steht man dann zusammengepfercht mit Menschen – oft auch Männern aus Kulturen, für die die Berührung einer fremden Frau Sünde ist. Verursacht das nicht auch ihnen Stress?

Im Arbeitsleben sind Großraumbüros Standard geworden – Rückzug fast unmöglich, Konzentration schwierig. Und weil allein Wien jährlich um eine Stadt in der Größe von St. Pölten wächst, fallen alle Schranken beim Wohnbau: Aus den Grundstücken wird an Kubatur herausgequetscht, was geht. Menschliches Maß und Ästhetik gehen dabei immer öfter verloren.

In vielen Schulklassen sitzen so viele Kinder mit schlechtem Deutsch und sozialen Problemen, dass ein regulärer Unterricht fast unmöglich ist. Auch das macht Stress: für Lehrer, Schüler und Arbeitgeber, die von ihren Lehrlingen nicht einmal mehr rudimentäre Kenntnisse erwarten können. Mehr als jeder zweite Wiener hat Migrationshintergrund (wurde also selbst im Ausland geboren oder hat mindestens einen im Ausland geborenen Elternteil). Österreich braucht Zuwanderung, aber qualifizierte. Darauf wurde nie geachtet. Unter schlecht Ausgebildeten findet daher ein massiver Verdrängungswettbewerb am Jobmarkt statt. Und natürlich müssen wir uns auch auf steigende Kriminalität einstellen.

Welches Zuwanderungskonzept haben wir?

Trotzdem ist es sinnlos, sich eine gute alte Zeit zurückzuwünschen, die im Rückblick verklärt wird. Auch in Gründerzeithäusern war es eng. Aber es ist nicht sinnlos, sich mit Konzepten für ein entspanntes Zusammenleben zu beschäftigen. Wie können Ballungsräume qualitätsvoll wachsen? Welches Zuwanderungskonzept haben wir? Wie verhindert man das Auseinanderfallen einer Gesellschaft, in der ein Teil immer stärker mit Arbeit und Steuern belastet wird, um die wachsende Gruppe der Nicht-Werktätigen zu finanzieren? Wie machen wir der Mittelschicht trotz allem Mut zum Kinderkriegen?

Es ist nicht so, dass die einzelnen Politiker keinen guten Willen hätten, sich damit auseinanderzusetzen. Aber sie sind gezwungen, schnelle Ergebnisse zu präsentieren, sich innerparteilich, aber auch gegenüber dem Koalitionspartner zu profilieren. Auch sie sind im Stress: Die Zahl der Medienkanäle hat sich in den letzten Jahrzehnten vervielfacht. Für einen TV-Verkündung bleibt nur wenige Sekunden Zeit – und wer seine Botschaft nicht in 144 Twitter-Zeichen fassen kann, ist hoffnungslos out. Die Zahl der Parteien (und politischen Sternschnuppen) wird sich weiter erhöhen. Wer kann sich da noch komplexeren Themen widmen?

Zurück bleibt ein vages und ohnmächtige Gefühl der Bürger, dass etwas aus dem Lot gerät. Den Wandel positiv zu gestalten, unseren Lebensraum dabei nicht unwiderruflich zu zerstören und den Menschen in den reichen europäischen Ländern wieder Optimismus zurückzugeben, ist eine der größten Aufgaben der Politik.