Meinung
15.09.2018

Ein Hoch auf den Mut zur Zivilcourage

"Kulturkampf im Klassenzimmer" – die tabulosen Heldinnen des Schulalltags gehören vor den Vorhang.

Es ist kein Zufall, dass es zwei Frauen sind. Es ist wohl auch kein Zufall, dass sie schon viele Jahre im Klassenzimmer stehen. Alles zu geben, aber zusehen zu müssen, dass guter Wille allein längst nicht mehr reicht – der Schmerz war für sie offenbar derart unerträglich, dass sie mit einem Tabu brachen. Sie plauderten im wahrsten Sinn des Wortes aus der Schule.

Andrea Walach, Direktorin einer Problemschule in Wien-Margareten, und Susanne Wiesinger, Lehrerin in Wien-Favoriten, beherrschten diese Woche die Schlagzeilen mit aufrüttelnden Berichten aus dem zermürbenden Schul-Alltag. Wiesinger spricht von einem „Kulturkampf im Klassenzimmer“. Walach bestätigt den Befund: „Ich kann das zu hundert Prozent unterschreiben.“

Reiner Zufall war es, dass zeitgleich auch der Integrationsbericht präsentiert wurde und die subjektiven Befunde objektiv untermauert. An Brennpunktschulen schneiden auch Kinder mit guten Lernvoraussetzungen fünfmal schlechter ab. In Wien ist das Risiko, die Schule als funktionaler Analphabet zu verlassen, am höchsten: Die Hälfte (!) aller Volksschulen in Wien weisen auf dem von den Schulbehörden entwickelten „Index der sozialen Benachteiligung“ eine „sehr hohe“ bzw. „hohe“ Belastung aus. Österreichweit sind es 20 Prozent. Noch größer wird die Kluft in den Neuen Mittelschulen (NMS): Hier fallen in Wien vier von fünf NMS in diese Kategorien, im Österreich-Schnitt sind es 22 Prozent.

Mutige Pädagoginnen an die Spitze der Reform

Angesichts dieser dramatischen Zahlen stellt sich die Frage – warum gibt es nicht mehr Walachs und Wiesingers? Andrea Walach brach vor zweieinhalb Jahren als erste Pädagogin in einem aufsehenerregenden Interview im Sonntag-KURIER das Schweigen über die himmelschreienden Missstände im Schulalltag. Sie ließ sich auch von einem angedrohten Maulkorb des Stadtschulrats oder der Angst vor bürokratischen Repressalien wie Nachteilen bei der Zuteilung von personellen und Geld-Ressourcen nicht einschüchtern. Das Schweigen vieler betroffener Kollegen erklärt sie heute nachdenklich so: Viele hätten Sorge, als jemand dazustehen, der an seiner Aufgabe gescheitert ist – also aus Scham als Versager zu gelten.

Andrea Walach und Susanne Wiesinger sind der personifizierte Beweis für das Gegenteil. Sie gelten zu Recht als Heldinnen des Schulalltags.

Zuvorderst Wiens Bildungspolitiker sind nun gefordert, noch entschiedener und deutlich messbarer gegenzusteuern. Zuallererst sollten sie aber jene vielen Lehrer, die sich noch nicht vom veränderungsresistenten System Schule haben brechen lassen, ermutigen: Mutige Pädagoginnen wie Wiesinger und Walach gehören öffentlich für ihre Zivilcourage ausgezeichnet und an die Spitze einer überfälligen Reform gestellt.

Denn am Anfang jeder Therapie braucht es eine schonungslose Diagnose. Und Diagnose und Therapie stehen angesichts des „Systemversagens“ (Wiens Bildungsdirektor Heinrich Himmer) in der Schulpolitik erst am Anfang.