Ehe kaputt, aber wie sag’ ich’s den Kindern?

Nach der Versöhnung ist vorm nächsten Krach. Warum Kern & Kurz lieber heute als morgen wählen wollen.

Dienstagfrüh in der U-Bahn. Gesprochen wird nicht. Allein die Augen erzählen Geschichten. Die meisten Menschen, die Zeitung lesen oder online surfen, bleiben bei einer Meldung hängen: Nach Langem hat es ein "Millionenquiz"-Kandidat wieder bis zur Millionenfrage geschafft. Er zog es aber vor, mit den bereits sicheren 300.000 Euro nach Hause zu gehen. Gesprächsthema des Tages danach: "Hätten Sie die knifflige Millionenfrage gewusst?" (nachzulesen hier). Der Aufmacher eines Gratis-Boulevard-Blatts über "Wilde Gerüchte um Mitterlehner-Abgang" wurde so von vielen nur gelangweilt überblättert. Zu Recht, zumal das von Anfang an nicht mehr war als ein Latrinengerücht. Sicher ist, dass es direkt aus der Regierung in die Welt gesetzt wurde. Das macht sichtbar, dass man sich in dieser Koalitionsehe nichts mehr als Bösartigkeiten zu sagen hat. Die wahren Hintergründe des Nervenkriegs haben uns so mehr zu interessieren als uns lieb ist. Denn sein Ausgang bestimmt die Startaufstellung der nächsten Wahl.

Kerns Kanzler-Bonus = Kurz’ Kandidaten-Malus

Reinhold Mitterlehner ist ÖVP-Chef auf Abruf, "aber kein Spindelegger" (so ein ÖVP-Grande). Mitterlehners (von Daniela Kittner im Sonntag-KURIER enthüllte) interne Drohung, Sebastian Kurz solle sofort die ÖVP übernehmen oder Sobotka & Co sollten Rot-Schwarz in Ruhe arbeiten lassen, dürfte seine Widersacher kurzfristig ruhigstellen. Selbst wenn der Innenminister tatsächlich kurz reuig stillhalten sollte, wird das die Regierung bestenfalls nur bis zum Sommer befrieden. Im roten und schwarzen Spitzenpersonal rechnet quer durchs Land so gut wie jeder mit Neuwahlen im kommenden Herbst.

Sobald wie möglich wählen wollen Kern und Kurz. Der Kanzler tarnt es nur geschickter.

Er versucht das Kunststück des Regierens mit dem Megafon. Es vergeht keine Woche, in der er nicht in einem Bundesland auftritt, um seinen Plan A unter die Leute zu bringen. Auch der Außenminister ist längst im Wahlkampfmodus. Er tarnte es zuletzt nur ungeschickter, als er sich zwei Mal dabei ertappen ließ, lieber bei Schülern aufzutreten als sich beim wöchentlichen Ministerrats-Ritual blicken zu lassen.

Kerns Dilemma: Je länger er Kanzler sein muss, der zwareinen Plan hat, aber wenig bis nichts davon umsetzen kann, desto poröser wird sein Macher-Image.

Kurz’ Dilemma: Je länger Kern Zeit hat, sich zu profilieren, desto mehr könnten die Spitzenwerte des ÖVP-Jungstars schrumpfen. Kerns Kanzler-Bonus wird so zu Kurz’ Kanzlerkandidaten-Malus. Dazu kommt eine Partei, in der viele noch immer am liebsten aufs eigene Tor zielen.

Christian Kern und Sebastian Kurz liefern sich bereits ein Fernduell, das ein brutales Shoot-out erwarten lässt wie es Österreich seit der unseligen Ära Haider nicht mehr gesehen hat. Offen ist nur die knifflige Millionen-Frage, die Rot und Schwarz seit Monaten quält und vor der bisher beide kneifen: Wer soll uns auch noch dafür belohnen, dass wir einander nicht mehr leiden können?

(kurier) Erstellt am
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