Drei Themen, vor denen sich die Schulpolitik nicht drücken darf

Die Bildungsreform dreht und dreht und dreht sich. Dabei kann man leicht die Orientierung verlieren. Zur Info: Es geht um mehr Schulautonomie, größere "Bildungscluster", mehr Einfluss der Schulen bei der Lehrerauswahl. Nicht falsch, aber die entscheidenden Themen fehlen.

Zum Beispiel, dass endlich wieder die simpelsten Bildungsziele – Lesen, Schreiben, Rechnen – erreicht werden müssen, um nicht die Mindestsicherungsbezieher von morgen zu "produzieren". Eine Wiener Volksschullehrerin erzählte diese Woche auf orf.at, dass jedes dritte Kind in ihrer Klasse dem Unterricht nicht folgen kann. Schon vor einem Jahr hat das Bildungsforschungsinstitut Bifie festgestellt, dass vier von zehn Kindern nach Ende der Volksschulzeit nicht sinnerfassend lesen können. Das ist dramatisch, weil die Schüler diesen Nachteil später kaum mehr aufholen können.

Wer liest noch Bücher?

Daran werden vermutlich auch die von Bundeskanzler Christian Kern versprochenen Tablets für alle Schüler nichts ändern. Lenken sie nicht möglicherweise sogar davon ab, grundlegende Kulturtechniken zu erlernen? Dazu passt, was ein prominenter "Twitterant" kürzlich in einer Journalistenrunde meinte: "Gott sei Dank bin ich noch ohne soziale Medien aufgewachsen. Ich hätte viele wichtige Bücher nie gelesen."

Interessanterweise wird auch über Bildungsinhalte kaum gesprochen. Der leider früh verstorbene Gelehrte Dieter Schwanitz hat 1999 das Buch "Bildung. Alles, was man wissen muss" geschrieben. Wer definiert für die Schulen den Bildungskanon neu – ohne Rücksicht auf Fach-Egoismen? Was gehört zum Allgemeinwissen, was lässt sich ohnehin jederzeit nachschlagen? Was ist moderner Unterricht, wie kann man die Kombinationsgabe stärken? Wie lassen sich Schüler für Technik und Naturwissenschaften begeistern – Ausbildungen, die exzellente Job-Aussichten versprechen? Und wie kann man handwerkliche Begabungen wieder mehr fördern?

Drittens steht und fällt jeder Unterricht mit der Persönlichkeit des Lehrers/der Lehrerin. Die Politik hat Druck auf die Schulen ausgeübt, keine schlechten Noten mehr zu vergeben und alle, auch schwerst geistig Behinderte, in den Unterricht zu integrieren. Das Leistungsprinzip wurde damit gesprengt und die Motivation der Lehrenden untergraben. Das rächt sich jetzt bitter.

Der Pädagogenberuf ist schwierig geworden. Man ist Elternersatz, Sozialarbeiter, Integrationsbeauftragter, Animateur, Bürokratie-Verwalter und hat immer weniger Zeit für die Kernaufgaben. Wer an Problemschulen unterrichtet, sollte zumindest mehr Gehalt bekommen. Gut, dass Wien mehr Unterstützungspersonal holt, aber das ist nur ein Tropfen auf dem heißen Stein.

Geheime Agenda

An der aktuellen Bildungsreform sollte man außerdem die verborgenen Ziele nicht übersehen: Wenn ganze Bundesländer (Vorarlberg, Wien) Modellregion für die Gesamtschule sein wollen, dann möchten sie in Wahrheit ihre Lehrer vom Bund bezahlt bekommen. Die großen Bildungscluster wiederum könnten ein Schlüssel sein, um die AHS-Unterstufe (die ohnehin finanziell ausgehungert wird) noch weiter an den Rand zu drücken, um sie irgendwann ganz durch die Gesamtschule zu ersetzen. Mission completed?

(kurier) Erstellt am
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