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Meinung
03/26/2020

Die vermeintlichen Lehren aus dem Virus: Der große Selbstbetrug

Corona-Zeiten: Wir flüchten aus der Blase der vermeintlichen Sicherheit in die Blase der Zukunftsforscher

Das Coronavirus ist gerade einmal einen Monat im Land, schon wird überall nach Lehren für das Leben in der Zeit danach gefragt. Eine Lehre zeigt sich schon jetzt: Wir leben zu gerne in Blasen.

Die erste Blase ist gerade geplatzt: der Glaube der späten Nachkriegsgenerationen an ein ständig aufwärts strebendes, auf alle Zeiten ungestörtes Idyll mit möglichst viel Glück, Wohlstand, Freiheit. Das muss nicht vorbei sein, schon gar nicht auf alle Zeiten. Aber wie zerbrechlich so ein Lebenskonstrukt ist, auf welch tönernen Füßen es steht und wie dankbar man sein muss, dass es bisher hielt – das erfahren wir gerade jetzt.

Eine andere Blase war noch nie so groß wie jetzt: der Selbstbetrug der sogenannten sozialen Medien und deren künstliche Welt, die mit der realen oft wenig zu tun hat. Stimmt schon: In Zeiten der verordneten Kontaktabstinenz bieten Facebook & Co. ein Ventil für Kontaktsehnsucht (obwohl: Telefon gäb’s auch). Aber was da an Leichenwagen in Italien und Kranken an Schläuchen ins Netz gestellt wird, ist Betroffenheitspornografie – so dramatisch die Lage vielerorts ist: nein, die Welt stirbt nicht. Und die putzigen Selfies aus den Homeoffices (wir sind so brav!) vermitteln all denen, die nicht zu Hause sein können, sondern draußen für uns das Leben aufrechterhalten, was für unputziges Pech sie halt haben. Danke, Facebook!

Ebenso groß ist gerade die Blase des Nichtwissens, in der wir sehr verzweifelt schwimmen. Wie umgehen mit dem Covid-19-Ding? Herdenimmunisierung oder Herdentestung? Warum sterben da so viel Alte und dort auch auffallend Junge? Wieso gibt es so verschiedene Krankheitsverläufe? Was gegen Symptome tun? Wann kommt die Impfung? Mehr als Fragen gibt es Antworten, oft einander widersprechende, viele gut gemeinte, was in Verbindung mit Nichtwissen das Gegenteil von gut ist. Die Hauptfrage, wann alles vorbei ist und was dann kommt, bleibt sowieso unbeantwortet.

Das führt zu Blase Nummer vier: der Welt der Zukunftsforscher. Die, die mit all ihren Prognosen immer schon falsch lagen, erdreisten sich, einer nach Antworten lechzenden Herde vorzublöken, wie sie glauben, dass es wird, später einmal. Von Matthias Horx abwärts (das ist der, der vor 20 Jahren dem Internet jede Zukunft absprach) orakeln sie, von allen Selbstzweifeln befreit, von Zeitenwende, von Rückbesinnung, von mehr Solidarität und der Abkehr vom Konsum- und Wirtschaftsdiktat, von der besseren Welt – seht her, jetzt schon sind die Gewässer in Venedig und die Luft in Mailand sauberer, nach nur ein bisschen Corona (erzählt die Netz-Blase). – Genau: Und wenn das Virus die gesamte Menschheit dahinraffte, wie gut ginge es dem Planeten erst dann?

Letzteres hoffen wir also doch nicht. Wir hoffen auf eine Welt, die sich „danach“ wieder findet, vielleicht besser, vielleicht vorsichtiger, wie auch immer. Aus der einen oder anderen Blase könnte sie jedenfalls mal Lehren ziehen.