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Leitartikel
12/03/2019

Die Störenfriede auf der NATO-Party

Trotz aller Kritik und innerer Krisen hat das westliche Bündnis auf dem Boden der militärischen Realität nicht an Schlagkraft verloren.

Diese Geburtstagsparty wird alles andere als langweilig: 29 Staats- und Regierungschefs feiern in London das 70-jährige Bestehen der NATO. Aber sämtliche Hymnen über die Errungenschaften des Militärbündnisses dürften untergehen, wenn die drei Elefanten im NATO-Raum loslegen: Da wäre zunächst US-Präsident Trump. Was die Partner in die Allianz einzahlen, reicht ihm nach wie vor nicht. Deshalb wird sich der Oberbefehlshaber der US-Armee kaum artig und ruhig an den Geburtstagstisch setzen.

Da ist neuerdings auch Frankreichs Präsident Emmanuel Macron. Der geht mit dem rhetorischen Vorschlaghammer auf die NATO los. „Hirntod“ diagnostizierte er bei der Allianz – und verprellte damit alle Partner. Dabei hat er mit der Forderung durchaus recht, dass die NATO die Kernfragen neu beantworten muss: Für welche Ziele braucht man sie? Und wie soll sie dabei vorgehen?

Und da ist zu guter Letzt der türkische Präsident Erdoğan, der ohne Rücksicht auf seine Bündnispartner macht, was ihm beliebt: Einmarsch in Syrien, Kauf russischer Waffensysteme – aus jedem anderen Club wäre solch ein irrlichterndes Mitglied rausgeflogen. Nicht so in der NATO, wo es Rauswürfe nicht gibt – und wo die Türkei als unverzichtbarer strategischer Partner gilt.

Für ausreichend Zündstoff bei der NATO-Party ist also gesorgt. Doch wie es aussieht, wird das 70-jährige Geburtstagskind noch ein Stück älter werden. Denn trotz aller Kritik und innerer Krisen hat das westliche Bündnis auf dem Boden der militärischen Realität nicht an Schlagkraft verloren. Anders gesagt – oder um in Macrons Tonfall zu bleiben: nicht der Hirntod quält die NATO, eher ein Bandscheibenvorfall.