korentschnig.jpg

© Kurier

Leitartikel
12/24/2021

Die Rolle der Medien bei der geistigen Herbergssuche

Das Coronavirus hat auch das Immunsystem der Medien angegriffen. Dabei sind sie heute so wichtig wie seit Langem nicht.

von Gert Korentschnig

Jetzt steht allen Ernstes schon das zweite Weihnachtsfest unter dem pandemischen Stern, und hoffentlich ist Omikron nach all den Schleifen wirklich der virale Endgegner. Seriöserweise müssen wir zugeben: Wir wissen es nicht. Aber mit dem Zugeben des Nicht-Wissens tut sich unsere Gesellschaft zunehmend schwerer.

Je größer die Verunsicherung, desto lauter werden jene, die versichern, über gesichertes Wissen zu verfügen. Womit wir mitten in einer Mediendebatte wären. Früher waren Medien als Kommunikationskanäle, Informationsquellen und zentraler Bestandteil der Demokratie angesehen. Heute werden vom Algorithmus sozialer Medien häufig alternative Wahrheitsbehauptungen aufgestellt und Fakten zu Glaubensfragen. Dazu kommt das eine oder andere Medium im Sinne der Empfänglichkeit für Übernatürliches, das Publikum an den extremen Rändern der Esoterikszene sucht.

Die Medienlandschaft ist, positiv formuliert, vielfältig wie nie zuvor, aber auch sehr diffus. Manche Medien werden dabei zu Katechismen und fördern Egoismen. Auch dagegen hilft Bildung. Höchste Zeit, dass Schüler verpflichtend mit Medienkunde konfrontiert werden; und dass auch Erwachsene strenger mit ihrer Medienauswahl umgehen.

Mit Medienschelte macht man Politik, das wussten nicht nur die Nazis, darauf zielte auch Trump mit seiner Kampagne gegen Fake News ab. Wer die Glaubwürdigkeit von Medien schwächt, kann eigene Kanäle dagegensetzen. Leider hat Corona diese Entwicklung auch in Europa beschleunigt.

Es gibt Millionen Menschen, die mit klassischen Medien nicht mehr erreichbar sind und online die Töne aus den Nachrichten-Trompeten nicht einordnen können. Neue Medien mit eindeutiger Agenda, für die Unabhängigkeit oder Seriosität keine Rolle spielt, sprechen diese Gruppen gezielt an – eine explosive Mischung.

Mittlerweile ist Mainstream-Medien ein übles Schimpfwort, dabei haben Qualitätsmedien (wie auch der KURIER) immer auf Meinungsvielfalt und Debattenkultur gesetzt. Dazu kommt der regelmäßig geäußerte Vorwurf an Medien, von der Politik oder der Wirtschaft gekauft zu sein, aus Einzelfällen werden da Pauschalurteile.

Freilich machen Journalisten selbst Fehler: Sie kratzen einander – wie sonst nur Politiker – allzu oft die Augen aus, suhlen sich lieber im Dreck statt auf Konstruktivität zu setzen und beharren auf der moralischen Richtigkeit ihrer Meinung. Corona hat zu Beginn manche Medien größer gemacht, weil Nachrichten stärker gefragt waren. Jetzt bräuchte es dringend eine bessere Differenzierung in Qualitätsprodukte und reine Quotenjäger, in Vordenker und Nach-Plapperer. Bei der geistigen Herbergssuche spielen nämlich Medien eine so zentrale Rolle wie seit Jahrzehnten nicht.

eine Newsletter Anmeldung Platzhalter.

Wir wĂĽrden hier gerne eine Newsletter Anmeldung zeigen. Leider haben Sie uns hierfĂĽr keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diesen anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Um diesen Artikel lesen zu können, würden wir Ihnen gerne die Anmeldung für unser Plus Abo zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diese anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Jederzeit und ĂĽberall top-informiert

Uneingeschränkten Zugang zu allen digitalen Inhalten von KURIER sichern: Plus Inhalte, ePaper, Online-Magazine und mehr. Jetzt KURIER Digital-Abo testen.