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Wissen Wissenschaft
12/24/2021

Welchen traurigen Hintergrund "Stille Nacht, heilige Nacht" eigentlich hat

Das berühmteste Weihnachtslied ist als Folge eines Klimawandels entstanden und drückt die Hoffnung auf Rettung aus.

von Susanne Mauthner-Weber

1816  sehnten die Menschen überall auf der Welt nach einem bitterkalten Winter den Sommer herbei. „... der Körper zittert und schrumpft durch die Kälte, die wir durchmachen“, notierte etwa Ex-Präsident Thomas Jefferson im Jänner. Doch statt des Sommers kommt der Winter zurück. „Die Häuser, die Straßen, die Plätze der Stadt sind vollständig mit Schnee bedeckt“, schreibt die Quebec Gazette. Es ist der 8. Juni, „und dem ganzen umgebenden Land geht es genauso; es sieht aus wie im Dezember.

„Achtzehnhundertunderfroren“

Auch in Bad Gastein lag der Schnee knietief und das 14 Tage lang. In ganz Salzburg waren die Feldfrüchte „nicht gedeihlich“, wie man damals sagte, das Getreide reifte nicht. In Ungarn fiel aus schweren Gewitterwolken rotbrauner Schnee. In Süditalien waren die Flocken gelb. Die Ernte fiel aus, und  die Menschen haben in der Not ihre Zugtiere geschlachtet und die Saatkartoffeln wieder ausgegraben. Das Katastrophenjahr erhielt  bald bitter-spöttisch den Namen „Achtzehnhundertunderfroren“. 1816 ging als „Jahr ohne Sommer“ in die Geschichtsbücher ein.

„Genau zu dieser Zeit ist Joseph Mohr Hilfspfarrer in Mariapfarr im Lungau, das  schon zu normalen Zeiten ein Kälteloch war“, erzählt der Historiker von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Johannes  Preiser-Kapeller. Kein Wunder, dass die Region in diesen Tagen  besonders  betroffen war. Irgendwann setzte sich Mohr hin und fasste die Not der Menschen und ihre Hoffnung auf Besserung in Wort: „Tönt es laut bei Ferne und Nah: Jesus der Retter ist da!“ schrieb der Pfarrer. Ein Gedicht mit sechs Strophen war entstanden.

Das 1818 erstmals aufgeführte „Stille Nacht, heilige Nacht wurde in 320 Sprachen und Dialekte übersetzt. Es gilt damit als weltweit bekanntestes Weihnachtslied aller Zeiten. Seit 2011 gehört es zum immateriellen  UNESCO-Kulturerbe Österreichs. 

Dass die Misere auf eine  Katastrophe auf einer weit entfernten Insel im Pazifik zurückging, ahnten die Menschen vor 200 Jahren nicht: In Indonesien war der Vulkan Tambora gut ein Jahr zuvor regelrecht explodiert. Es regnete kochendes Wasser. Wirbelstürme entwurzelten Bäume, fegten Häuser und Menschen fort. Sieben Tage dauerte das Inferno. Dann war der Vulkan erschöpft.

So unmittelbar die  Gewalt des Ausbruchs auf den Inseln war, gewaltiger noch war die globale Dimension. Die bis in die Stratosphäre geblasenen Schwefelgase des Tambora verbanden sich mit Feuchtigkeit zu Schwefel-Aerosolen; als Wolken zogen diese um den Globus und absorbierten das Sonnenlicht.

Wetter-Kapriolen – Vulkanausbruch

Und so versank die Welt im darauffolgenden Jahr in Kälte, Schnee und Regen. Keine Region blieb verschont.  Am schlimmsten traf es Frankreich, die Schweiz und Süddeutschland bis nach Österreich hinein mit bis zu 3 Grad unter normal. Erst 1920 erkannte der US-Klimaforscher William Jackson Humphreys den Zusammenhang Wetter-Kapriolen – Vulkanausbruch.

Zu dem wenigen Guten, das der Vulkan-Ausbruch mit sich brachte, gehörten die bombastisch farbenprächtigen Sonnenuntergänge, zu denen die Aerosole in den oberen Luftschichten beitrugen. Der englische Maler William Turner bannte diese Pracht auf Leinwand. Auch Mary Shelleys „Frankenstein“ ist ein Echo jenes Sommers. Und George Byron schrieb das Gedicht „Die Finsternis“: „Die helle Sonn’ war ausgelöscht ...“

Das „Jahr ohne Sommer“ ereignet sich just zu einem Zeitpunkt, als der Kontinent ein Vierteljahrhundert fast permanenter Kriege und sozialer Umwälzungen hinter sich hat. Historiker Preiser-Kapeller: „Die Napoleonischen Kriege hatten weite Landstriche verwüstet zurückgelassen, Zehntausende ehemalige Soldaten waren auf der Suche nach Arbeit und Brot." Und dieses Brot wurde nun knapp – auch in der  Region um Mariapfarr.

Als Mohr ins gut 100 Kilometer entfernte, genauso betroffene, Oberndorf versetzt wurde, hatte er sein Gedicht im Gepäck. Im Dorfschullehrer und Organisten Franz X. Gruber fand er einen Freund und sein Text eine Melodie. Am Heiligabend 1818 brachte das Männer-Duo das Weihnachtslied "Stille Nacht, heilige Nacht" in der Schifferkirche St. Nikola in Oberndorf zum ersten Mal zu Gehör.

Und irgendwie scheint die Geschichte mit der Hoffnung auf Rettung heuer wieder besonders aktuell zu sein.

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