Sami feiert bei seiner österreichischen Familie, Georg und Sylvia, Weihnachten

© KURIER/Franz Gruber

Politik Inland
12/24/2021

Flüchtlingsschicksal: "Jetzt ist nichts mehr übrig als Erinnerungen"

Eine Leserin berichtet über ihr "Flüchtlingskind". Das ist ihre Geschichte.

Am Nationalfeiertag, dem 26. Oktober 2015, ist eine der größten geopolitischen Krisen bei uns daheim eingezogen: Der Konflikt um Afghanistan. Die Flüchtlingskrise 2015 hatte uns nicht kalt gelassen, und weil wir, mein Mann und ich, die Möglichkeit hatten, wollten wir zumindest einem der Hunderttausenden Flüchtlinge einen geschützten Platz bei uns daheim anbieten.

So lernten wir Sami kennen, Samiullah heißt er eigentlich, den eine abenteuerliche Flucht aus dem Norden Afghanistans über die Türkei und Osteuropa zu uns führte.

Wie es dazu kam, durfte ich im KURIER am 24. Dezember 2015 erzählen. Ein Jahr später berichtete ich wieder zu Weihnachten über unsere ersten 18 Monate mit dem jungen Mann. Sein Berufswunsch war, Elektriker oder Installateur zu werden, sein Weihnachtswunsch 2016 „die positive Bearbeitung seines Asylantrages“.

Angstvolle Zeit

Wir konnten damals nicht ahnen, wie langsam und bürokratisch die Auseinandersetzung mit dem österreichischen Fremdenrecht und den Asylbehörden würde; und welche Ängste das bei Sami und bei uns erzeugte.

Es dauerte bis August 2021, also gut 70 Monate, bis er eine „Aufenthalts- und Arbeitsberechtigung in Österreich“ erhielt. Sofort danach, seit September, konnte er endlich eine Lehre als Elektrotechniker in einem großen Unternehmen beginnen. Seit 20. Dezember besucht er die Berufsschule.

Bis zu diesem glücklichen Ausgang dauerte es so viel länger, als wir uns das vorstellen konnten. Nach 2016 ebbte die Willkommenskultur auch in Österreich deutlich ab. Besonders afghanische Jugendliche machten sich schwerer Übergriffe und Verbrechen schuldig. Für Sami unbegreiflich, er schämte sich so sehr für seine Landsleute.

Die hohe Zahl der Asylanträge führte zu langen Wartezeiten beim Bundesamt für Fremdenwesen und Asyl. Negative Bescheide von Samis Bekannten waren alarmierend. Trotz dieser belastenden Situation schaffte Sami zuerst den Hauptschulabschluss und dann das Polytechnikum. Die Struktur der Schule schaffte Ablenkung von den Sorgen und Ängsten.

Dann kam es 2017 erstmals zur Anhörung. Für Sami war diese sechs Stunden dauernde Anhörung traumatisierend. Viele Wochen später kam ein negativer Bescheid: Er könne seine Verfolgung nicht hinreichend glaubhaft machen. Wir erhoben Einspruch und damit lag das Verfahren beim Verwaltungsgericht.

Und wieder wussten wir, dass das lange dauern würde. Aufgeben gibt’s nicht. Sami wuchs uns immer mehr ans Herz, er wurde unser afghanischer Sohn und wir seine österreichischen Eltern. Die Vorstellung, dass er nach Afghanistan abgeschoben werden könnte, war unerträglich.

Erst im zweiten Pandemie-Sommer kam dann endlich der Gerichtstermin. Mein Mann und ich kamen beide zur Unterstützung mit. Es war mein erstes Mal in einer Gerichtsverhandlung, und wir waren mindestens genauso aufgeregt wie Sami. Die Richterin fragte sehr genau, Sami erzählte seine jetzt doch schon lange zurückliegende Flucht, aber vor allem konnte er in seinem schon recht guten Deutsch sein Leben in Österreich schildern. Sein Maß an Integration imponierte offenbar auch der Richterin.

Erlösendes Urteil

Im August kam dann der erlösende Spruch: „Aufenthaltsberechtigung und Zugang zum Arbeitsmarkt“. Sami lebt inzwischen nicht mehr bei uns, sondern in einer kleinen Wohnung. Er verdient sein eigenes erstes Geld. Und gerade in dieser für ihn so glücklichen Situation haben wir mit ihm gemeinsam den Untergang seines Afghanistans im Fernsehen mitansehen müssen.

Nun ist von Samis früherem Leben nichts mehr übrig als Erinnerungen.

Von Sylvia Gaul

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