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Gastkommentar
11/12/2020

Die dritte Dimension

Corona bedeutet auch Mangel an persönlicher Nähe

Die COVID-19 Diskussion erreicht – so wie die zweite Welle – gerade Ihren Höhepunkt. Während nachvollziehbarerweise der virologische Aspekt an erster Stelle steht, werden an zweiter Stelle die wirtschaftlichen Auswirkungen analysiert. Aus meiner Sicht als Verhaltenswissenschaftler wird jedoch die dritte Dimension des Problems derzeit zu wenig betrachtet: Der Mensch ist aus seiner biopsychischen Ausstattung heraus ein soziales Wesen. Der Kontakt zu Mitmenschen in vielerlei Beziehungsmustern ist daher ebenso Teil seiner angelegten Grundausstattung wie sein Bedürfnis nach Nahrung und Schlaf.

Während die Grundbedürfnisse Nahrung und Schlaf jedem klar sind, und völlig außer Diskussion, wird das Grundbedürfnis nach sozialer Nähe und nach sozialem Kontakt nach wie vor als Luxusproblem einer WEIRD (westlichen, gebildeten/educated, industrialisierten, reichen, demokratischen) Gesellschaft verstanden. Dies ist aber nicht der Fall. Zahlreiche Studien belegen interkulturell, dass das Bedürfnis nach sozialer Nähe und sozialem Kontakt für die menschliche Gesundheit und das funktionierende Zusammenleben entscheidend sind.

Natürlich gibt es wie bei jedem menschlichen Verhaltensmerkmal kulturelle, individuelle und ontogenetische Variation. Kinder ab fünf Jahren, Jugendliche und junge Erwachsene haben sicher ein ausgeprägteres Kontaktbedürfnis als etwa die Generation der Baby Boomer. Im hohen Alter ist eine Reduktion auf wenige, aber regelmäßige soziale Kontakte ebenso leichter lebbar, als für Jugendliche.

Warum muss das gesagt werden? Es ist klar, dass die Bekämpfung der Pandemie, die derzeit auf vielen Ebenen läuft und Beschränkungen und Verzichte in verschiedenen Dimensionen sinnvoll, nötig und erwartbar macht, die Priorität auf die epidemiologischen Parameter legen muss. Auch die Aufrechterhaltung der Infrastruktur und gewisser Basisfunktionen der Wirtschaft sind wesentlich. Ob Einrichtungshäuser und Shopping Center dazu gehören, sollte man aber sicher diskutieren, wenn man über weitere erforderliche Einschränkungen nachdenkt.

Es ist jedoch nicht einzusehen, dass bei aller berechtigter Diskussion z.B. von Schulschließungen der Aspekt der Bedeutung der sozialen Kontakte dermaßen vernachlässigt wird. Die gesundheitlichen und sozialen Schäden, die bei langandauernden Einschränkungen dieses menschlichen Grundbedürfnisses entstehen werden, werden uns als Gesellschaft sonst noch lange beschäftigen, wenn die Pandemie schon als prägendes Ereignis – hoffentlich nur des Jahres 2020 – in den Geschichtsbüchern Eingang findet.

Klaus Atzwanger ist Verhaltenswissenschaftler und Unternehmensberater.

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